ALUCAST 2018 in Neu-Delhi

Maruti Suzuki, Markführer in Indien, präsentiert den Prototyp der Elektrofahrzeuge, die im Werk Gurugram für Feldversuche im ganzen Land gebaut wurden. Bis 2020 sollen sie auf dem indischen Markt verfügbar sein. Die Flotte wurde in Japan entwickelt und im Sinne der indischen Regierungsinitiative „Make In India“ in Gurugram gebaut. Bild: Maruti Suzuki India Limited

Wachstumseuphorie in der größten Demokratie der Welt

Indien, das bald bevölkerungsreichste Land der Welt, will beispielhaftes Land der Automobilproduktion werden. Wir haben die ALUCAST in Neu-Delhi besucht, das globale Treffen der Aluminiumindustrie. 

Sein Land soll China endlich auf Augenhöhe begegnen, und dafür muss sich einiges ändern: Indiens Premierminister Narendra Modi wird als wirtschaftsfördernder Modernisierer verehrt – und gleichzeitig als antimuslimischer Spalter der Gesellschaft gefürchtet. Der Hindu-Nationalist ist mit dem Versprechen von Dynamik und Fortschritt für sein Land berühmt geworden. „Indien hat gewonnen. Es stehen gute Tage bevor”, verkündete er nach der Parlamentswahl 2014, die seine Partei BJP eindrucksvoll gewann. Seit den guten Tagen sind fünf Jahre vergangen: Im Mai 2019 wird in der größten Demokratie der Welt erneut gewählt.

Narendra Modi wurde Premierminister eines Landes, in dem 600 Millionen Menschen unter 25 Jahren leben. Die Bevölkerung wächst schneller als die in China. Das bedeutet: Indien wird, noch vor 2025, das bevölkerungsreichste Land der Welt sein. Die Demographie lockt, nicht zuletzt wegen der kraftvollen, vor allem aber kostengünstigen Arbeitskraft, globale Investoren. Denn mit expansiver Finanzpolitik fördert die Regierung den Konsum. Dazu gesellt sich das Potenzial und die Größe des indischen Absatzmarktes.

„Minimum Government, Maximum Governance”

„Make in India“ soll ein Aufruf zum Handeln an die indischen Bürger und Wirtschaftsführer als auch eine Einladung an potenzielle Partner und Investoren der ganzen Welt sein: Unter der Leitung von Premierminister Narendra Modi und seinem Vorschlag von „Minimum Government, Maximum Governance“ wurde die Initiative 2014 ausgerufen. Sie soll die Fertigungsindustrie stärken, indem die Bedingungen für globale Unternehmen reformiert wurden. Waren sollen zukünftiger weniger importiert, sondern vielmehr vor Ort gefertigt werden. So will Modi das Handelsbilanzdefizit reduzieren und pro Monat eine Millionen Jobs für die Bevölkerung schaffen.

Volkswagen nimmt Anlauf, Maruti Suzuki verstärkt Stellung

Bisher besitzen nur etwa 3,2 Prozent der Inder ein Auto, in Deutschland beispielsweise sind es fast 70 Prozent. Mit der Einführung von 100 Prozent Foreign Direct Investment (FDI) in den Automobil- und Zuliefersektor haben globale Unternehmen begonnen, im Land Produktionsstätten zu errichten. Die Fahrzeuge werden sowohl für den lokalen als auch den globalen Markt gebaut. Nicht zuletzt die Ankündigung des deutschen Automobilkonzerns Volkswagen sorgte für Aufsehen: In den Jahren bis 2021 werde das Unternehmen rund 1 Milliarde Euro für das Land aufwenden, sechs neue Modelle sollen in die Entwicklung gehen. Die Leitung des „India 2.0” genannten Expansionsprojekts übernimmt Skoda.

Bis zum gleichem Jahr kündigte auch Kia Motors, zweitgrößter Automobilhersteller aus Südkorea, eine Erhöhung seiner Investition von 1,1 Milliarden Dollar auf zwei Milliarden Dollar an. Damit sollen 10000 Arbeitsplätze geschaffen werden.

Denn noch profitieren japanische und koreanische Marken von der Lust der Inder am Autofahren: Der mit Abstand größte Autobauer auf dem Subkontinent ist das japanisch-indische Gemeinschaftsunternehmen Maruti Suzuki mit einem Marktanteil von 53 Prozent. Um seine Stellung zu halten, sollen drei Milliarden Dollar investiert werden, vor allem für die Entwicklung elektrischer und hybrider Fahrzeuge. Folgend besetzen Hyundai Motor India und Tata Motors den Markt. Als Automobilzulieferer in Indien sind Bosch, Rico Auto Industries, Wheels India, Continental, Magna, Valeo oder Schaeffler India zu nennen.

Der Vorhang öffnet sich

In den nächsten zehn Jahren wird die Automobilindustrie auf globaler Ebene einen signifikanten Wandel erleben. Zu den wichtigsten erwarteten Entwicklungen gehören die Verlagerung der steigenden Automobilnachfrage von den Industrieländern in die Entwicklungsländer (hauptsächlich BRICS-Staaten). Indien soll bis 2026 zu den drei führenden Automobilindustrien der Welt gehören, damit 65 Millionen direkte und indirekte Arbeitsplätze schaffen und 12 Prozent zum indischen BIP beitragen. Bis dahin sollen 13 Millionen Personenkraftwagen, 3,9 Millionen Nutzfahrzeuge und 55 Millionen Zweiradfahrzeuge im Rahmen des ausgerufenen Automotive Mission Plan (AMP) 2016-26 produziert werden.

Die als „Curtain Raiser“ (meint hier: ein kurzes Vorspiel vor dem Hauptstück) betitelte Vision der indischen Regierung und des Automobilverbands SIAM (Society of Indian Automobile Manufacturers) prognostiziert ein Wachstum von 300 Prozent, das bedeutet also ein jährlich durchschnittliches Absatzwachstum von zehn Prozent. Die Realisierung der Initiative fordert zusätzliche Investitionen von 25-30 Milliarden Dollar.

Elektromobilität soll Kraftstoffsicherheit schaffen

Geschafft werden soll auch der Paradigmenwechsel in der Automobil- und Transportindustrie durch die Förderung von hybrider und elektrischer Mobilität. Der National Electric Mobility Mission Plan 2020 (NEMMP) sieht bis 2020 einen Fahrzeugbestand von rund 6-7 Millionen dieser Fahrzeuge vor. Dadurch soll auch die nationale Kraftstoffsicherheit gewährleistet werden. Das daran anknüpfende Faster Adoption & Manufacturing of Electric Hybrid Vehicles (FAME) Scheme soll Elektrobusse, Elektrodreiräder und elektrische Gemeinschaftstaxis in den öffentlichen Verkehr einführen. Dafür wurden in Phase 1 des FAME 67 Millionen Dollar an elf Städte, unter anderem Delhi, Bangalore und Jaipur, zugeteilt.

Doch selbst hohe Investitionen, staatliche Politik und Fördermittel lassen die Entwicklung des Landes, gerade die Entwicklung der Elektromobilität in Indien, unwahrscheinlich erscheinen. In Indien sind die Lithium-Ionen-Batterien teuer, weil sie importiert werden müssen. Erst wenn die Batterien in einheimischen Unternehmen hergestellt werden, können die Preise für die Fahrzeuge sinken. Im Rahmen von NEMMP werden trotzdem bereits landesweit Ladestationen geplant und errichtet. Erste nutzbare elektrische Fahrzeuge werden wohl durch Flottenbetrieber wie Ola, Uber oder Zoomcar erfolgen. Erst dann wird die persönliche Nutzung geschaffen, sobald die Preise fallen. Interessant ist aber, dass die ländlichen Märkte ein Umsatzwachstum von Automobilen erfahren, während die Metropolen einen Rückgang verzeichnen. Strukturelle Veränderungen wie „Shared Mobility" sind in Indiens Metropolen, wie weltweit, vor allem für die Jugend eine Alternative zu dem herkömmlichen Besitz als Statussymbol.

Die Disruption

Der Verbrennungsmotor steht vor einer existenziellen Krise, das ist längst nicht nur in Indien bekannt. Wie sich Elektrofahrzeuge und Hybriden aber in der Republik entwickeln werden, ist ungewiss. Mit der Verschärfung der Umweltgesetzgebungen und dem steigenden Druck, Kraftstoffverbrauch und CO2-Emission der Fahrzeuge zu mindern, bedeutet, dass in Zukunft leichtere Materialien als Stahl und Gusseisen benötigt werden. In elektrisch angetriebenen Fahrzeugen muss das zusätzliche Gewicht der Lithium-Ionen-Batterien ausgeglichen werden. Damit sind dünnwandige Gussteile für die Leichtbauweise von Fahrzeugen und Strukturteilen, die die Last tragen, indem sie das beste Verhältnis von Gewicht zu Stärke bieten, wichtig.

Die Dynamik der Aluminiumindustrie wird sich mit erhöhter Verwendung ändern: Bis 2022 soll das durchschnittliche Auto fast 100 zusätzliche Kilogramm Aluminium enthalten, um schwere Komponenten zu ersetzen. Weltweit soll sich der Einsatz von Aluminium im Automobil bis 2025 von rund 12 % auf 25 %, das entspricht 30 Millionen Tonnen, verdoppeln.

Teil des Wachstums

„In Indien gibt es viel zu tun“, räumt Sonia Prashar, Geschäftsführerin der NürnbergMesse India, die die ALUCAST veranstaltet. Gemeinsam mit dem Verband für Aluminiumguss ALUCAST (Aluminium Casters‘ Association of India) kommt das Publikum für das globale Treffen der Aluminiumindustrie alle zwei Jahre in wechselnden Städten Indiens zusammen. Prashar fügt an: „Wir haben noch nicht erreicht, was China geschafft hat. Aber um Teil der indischen Wachstumsgeschichte zu werden, würde ich doch hier sein wollen. Die Möglichkeiten sind absolut unbegrenzt.“

Rund 150 Aussteller versammeln sich auf 7000 m2 Fläche und bieten die Technologien der gesamten Wertschöpfungskette des Aluminiumdruckgusses. Auffallend ist: Im Austausch besonders der globalen Unternehmen ist der Preiskampf meistdiskutiert. Während der deutsche Markt detailfokussiert sei, spiele der Preis auf dem indischen Markt nach wie vor die Hauptrolle und müsse der absolut günstigste sein, auch wenn die Technologie dafür zurücktritt, so Lehmann, Verantwortlicher für den indischen Markt des schwäbischen Werkzeugbau-Unternehmens Frech. „Ähnlich wie in Südamerika ist der Preis ein sehr wichtiger Faktor, um überhaupt in den Markt eintreten zu können.“, erklärt Romani der Idra Gruppe. Auch Marc Fuchs von der Bühler AG gibt zu, die Preissensitivität des Marktes stelle eine Herausforderung dar.

Ähnliche Erfahrungen machten die Automobilbauer, von denen praktisch jeder versuchte, in den Kleinwagenmarkt einzusteigen und sich an der Entwicklung Indiens zu beteiligen. Sie wurden alle schnell durch den Löwenteil von Maruti Suzuki als auch Hyundai in ihre Schranken verwiesen und schafften es kaum, sich gegen die kleinen, vor allem aber günstigen japanisch-koreanischen Lösungen durchzusetzen.

Indien wird sich in diesem Jahr verändern: Die Neuwahlen werden den politischen Weg der größten Demokratie der Welt weisen. Gleichzeitig sind neue Sicherheitsnormen für die Automobilindustrie geplant. Ab 2020 tritt in Indien die Emissionsnorm Bharat VI in Kraft, die der EURO-VI-Norm entspricht. Für die Aluminiumindustrie aber eröffnet die Entwicklung die Opportunität des Neuen: Im stillen Auto der Zukunft, in dem kein Verbrennungsmotor röhrt, wird Lärmkompensation wichtig. Ebenso ist die gießtechnische Integration elektronischer Funktionselemente, das „Smart Casting“, von zunehmender Bedeutung. Sie ermöglichen die Zustandsüberwachung von Gussteilen während ihrer Nutzungsphase und bilden die Basis für die Digitalisierung der Herstellungsprozesse von Gussteilen.   

Die ALUCAST findet in einem Rhythmus von zwei Jahren in unterschiedlichen Städten Indiens statt. Das nächste Industrietreffen wird 2020 in Chennai sein.