Morgen bestimmt das Kind den Ton

CHINA DIECASTING 2019

In Shanghai waren die Besucher der China Diecasting vom 17. - 19. Juli eingeladen, das Land als weltweit größten Druckgussmarkt einzuschätzen. Erstmals versammelten sie sich im Euroguss Pavillion, einem Gemeinschaftsstand, der von der NürnbergMesse organisiert wurde. Trotz rückgängiger Zahlen blieb die globale Industrie ehrfürchtig: Bringt das Land eigenständig Innovationen hervor, dreht sich die Welt nach seinen Regeln? Der Beginn ist jetzt: Im nächsten Jahr will Aiways als einer der ersten reinen Elektroautobauer die Expansion von China nach Europa wagen.


Mit welcher Geschwindigkeit sich China entwickelt, wird dem deutlich, der vor der Karosserie des Elektroautos Aiways U5 steht, ausgestellt inmitten der weiten Messehallen: In Alu-Stahl-Mischbauweise manifestiert sich der Traum einer neuen Welt, in der die Stadtluft sauber ist, die Straßen frei sind und die Menschen nicht mehr selbst fahren. Den Elektroautobauer Aiways gab es vor drei Jahren noch nicht. Jetzt rollt noch in diesem Monat sein SUV U5 über die chinesischen Straßen.

Präsident des Unternehmens ist Fu Qiang, der ehemalige Leiter der chinesischen Geschäfte für Volvo, Beijing Benz, SAIC Skoda und FAW Volkswagen, der jetzt Qualität für die eigene Flotte sichert. Will heißen: 560 Kilometer Reichweite, 190 PS mit Frontantrieb, biometrische Technologie für Türöffnung durch Gesicht- und Handerkennung, Batterieladung in 40 Minuten auf 80 Prozent sowie eine Mobileye EyeQ4 Kamera für das autonome Fahren auf Level 2. Auf der China Diecasting demonstriert die ständig von einer Menschentraube umringten Karosserie, wie die Gießereiindustrie in der neuen Welt mitspielen soll: Mit Leichtbauweise und Strukturbauteilen zur Energieeinsparung und Emissionsminderung. Der obere Teil des Fahrzeugs besteht aus Stahl, der untere aus einer Aluminiumlegierung, FDS (Flow Drill Screw) und SPR (Self-Piercing Riveting) werden zum kalten Fügen genutzt. Im Unterboden, geschützt zwischen den Fahrzeugachsen, liegen die Lithium-Ionen-Zellen des chinesischen Herstellers CATL. 

Im kommenden Jahr soll der U5 mit einem voraussichtlichen Kampfpreis von 30.000 Euro den europäischen Markt erreichen. Um im Wettbewerb mit Verbrenner- Fahrzeugen zu bestehen, setzt der Autobauer auf den Verkauf über das Internet und den Transport per Zug. 2020 und 2021 sollen jeweils zwei neue E-Automodelle erscheinen und die Produktion soll sich von 150.000 Einheiten im ersten Jahr auf 300.000 im folgenden Jahr verdoppeln. 

„Hier passiert alles schneller als in Europa, deswegen ist es gut, dabei zu sein“, sagt Peter Ottmann, Geschäftsführer der NürnbergMesse GmbH, deren chinesischer Ableger die Messe gemeinsam mit dem Fachverband Foundry Institution of Chinese Mechanical Engineering Society (FICMES) organisiert. Während Ottmann von Dynamik spricht, nennt es Franz-Josef Wöstmann vom Fraunhofer IFAM „ungestillten Hunger“. Christian Kurtsiefer, CEO der KMA Environmental Technology Shanghai, erklärt die Bewegung im Land mit Konsumfreudigkeit, es gäbe „viele Menschen, die noch nicht viel haben, aber gerne viel hätten.“ 

Alles hat ein Ende:

Die USA konsumieren, China produziert

Trotzdem echoen Stimmen durch die Messehallen, die von „Abwärtsbewegung“ und „Phase der Anpassung“ sprechen. China muss als größter Automobilmarkt der Welt zum ersten Mal seit 20 Jahren einen Rückgang verzeichnen, 2018 um 6 %, so die China Passenger Car Association (PCA). Grund sind hohe US-Importzolle von 40 %. US-Präsident Donald Trump befürchtet, China könne die USA als ökonomische und technologische Hegemonialmacht ablösen. Mit „America first“ hat er China den Wirtschaftskrieg erklärt, den Freihandel in Frage gestellt, die Deglobalisierung bestätigt. China schafft sich währenddessen entlang ihrer „Neuen Seidenstraße“ eigene Produktionsstandorte und Absatzmärkte. CEO Amir Isfahani vom US-amerikanischen Unternehmen Flow-3D zuckt auf der China Diecasting angesichts der Lage mit den Schultern „In zehn Jahren wird China die USA überholt haben. Sie bewegen sich schneller als alle anderen. Ob auf eine für uns akzeptable Art oder nicht, spielt in diesem Moment keine Rolle.“ 

Dennoch: Nach Ansicht von CIO Alson Lee ist seine chinesische Firma BMC im Vergleich zu historisch gewachsenen Unternehmen wie Bühler und Toshiba noch ein Kind: „Aber der junge Mensch lernt, er ist schnell. Heute gelten für uns dieselben Möglichkeiten wie für alle anderen”, sagt er und erzählt, wie er Englisch gelernt habe: Jeden Abend bis zu zehn Stunden vor Youtube. „Ich wollte verstehen, worüber die Menschen reden. Heute denke ich nur noch an das Lernen. Ich glaube, das ist schwer für Europäer nachzuvollziehen.“ 

Automatisierungsquote steigern

China will kein Schwellenland mehr sein, mit „Made in China 2025“ soll händische Arbeit durch automatisierte Produktion abgelöst werden, das Land zu einer Industriesupermacht in vorrangig zehn Wirtschaftssektoren werden. Dazu gehört die Fahrzeugtechnik mit neuer Energie, Automatisierung und Robotik, moderner Schienenverkehr und Informationstechnologie der neuen Generation. Denn selbst wenn China schon heute zu den industriellen Maschinenräumen der Welt gehört, liegt die Automatisierungsquote in der Produktion weit unter den Werten von europäischen Industrieländern oder den ostasiatischen Konkurrenten. In China kommen 49 Roboter auf 10.000 Arbeiter. Im Vergleich: In Deutschland sind es 301, in Südkorea sogar 531. Die Einkommen der chinesischen Arbeiter sind in den vergangenen Jahren gestiegen, nach Zahlen der Auslandshandelskammer China alleine im Fertigungssektor um 8,4 %. Das monatliche Gehalt von umgerechnet 685 Euro brutto liegt aber nach wie vor weit unter dem, was Produktionsarbeitern in Deutschland, Japan oder Südkorea gezahlt wird.

Christian Heiselbetz

Mit harter Hand für eine neue Welt

Um das Ausmaß der Strategie zu verstehen, die Peking mit „Made in China 2025“ ausgerufen hat, lohnt sich der Blick auf die CO2-Ziele: Energie wird vor allem aus Kohle gewonnen, China hat die USA als größter Kohlenstoffdioxid- Emittent der Welt überholt. Innerhalb von zehn Jahren, von 2015 bis 2025, will China seine CO2-Emissionen um 40 Prozent reduzieren. „Made in China 2025“ umfasst auch die Produktion von Elektroautos: 0,3 Millionen bis 2020, 7 Millionen bis 2025 sind die ambitionierten Ziele. Peking hat sich außerdem zum Ziel gesetzt, dass mindestens 30 % der Neufahrzeuge bis 2020 über autonome Fahrfähigkeiten der Stufe 2 verfügen sollen.

„Auch die Chinesen wissen, dass das Thema Elektromobilität mit nennenswerten Emissionen auf der Kraftwerkseite verbunden ist“, sagt Christian Heiselbetz, strategischer Berater der Imootive Consulting auf der Messe. Die Regierung habe deswegen Programme aufgesetzt, die verstärkt auf Atomenergie setzen, um die CO2-Reduktion vor allem über die Stromproduktion zu erreichen. Er erkennt an: „China ist extrem strategisch unterwegs, legt einen Fünf-Jahres-Plan fest und zieht den durch. In Europa haben wir dagegen eine immer stärkere lokalisierte Gesetzgebung, sogar eigene Lösungen für Städte wie Stuttgart. Das ist hinderlich für Unternehmen, um strategisch zu planen und für den Kunden der Zukunft zu entwickeln.“ Heiselbetz, der lange Jahre in der internationalen Automobilindustrie tätig war, bevor er sich als Berater für Innovationsmanagement und Business Strategie selbstständig machte, erkennt in dem Land ein Paradebeispiel zukünftiger Mobilität: „In China ist gut zu sehen, dass die individuelle Mobilität zugunsten  einer öffentlichen Mobilität eingeschränkt werden muss.“ Das Land sei sehr gut darin, seine Städte über schnelle Bahnverbindungen zu vernetzen, habe gleichzeitig erkannt, dass individuelle Mobilität die Städte ersticken lasse und deswegen die Zulassungen beschränkt. „Mobility- on-Demand ist das Stichwort. Das ist ein Thema, das meiner Meinung nach auch in Europa stärker kommen wird.“ 

Wer schafft eigene Innovation?

China ist eben keine Demokratie. Damit hat die Regierung umfassende Möglichkeiten, ihre Ziele durchzusetzen. Gelingen wird das aber nur, wenn das Land eigene Innovation schafft. An der mangelt es erheblich: „Bislang ist China noch gut im Kopieren von neuen Technologien, aber nicht in eigenen Innovationen, wie es Europa und die USA schaffen”, so Masateru Naruse, Managing Director von Yutaka Electronics Industry aus Japan. Das liegt auch an einer Regierung, die dazu anhält, Firmen samt ihrer patentierten Technologien zu kaufen. In den vergangenen Jahren verboten die US-amerikanischen und europäischen Regierungen deswegen mehrfach Übernahmen durch Chinesen. Die investieren wiederum stark in die Bildung ihrer Jugend. „Innovation wird die Aufgabe der nächsten Generation”, sagt Naruse „erst die hat das Zeug, mit Japan und Europa gleichzuziehen.” In den Messehallen der China Diecasting zücken die Besucher ihre Smartphones, fast sehen sie wie Touristen aus, ihre Attraktionen sind die ausgestellten Strukturbauteile und demonstrierten Fertigungstechniken des Leichtbaus. Stolz steht Wang Xuefeng, Fahrzeugentwickler bei Aiways, neben der Karosserie des U5 und beantwortet Frage um Frage. Was bei jeder Ehrfurcht vor dem wachsenden Kind hilft, so schnell es auch lernt: Gegenseitiger Austausch über das, was begeistert. Die China Diecasting erfüllte dazu in Shanghai jede Erwartung.

Text: Corinna Robertz
Bilder: NürnbergMesse China