29.10.2018 | Ausgabe 10/2018

Kernfertigung unter Bedingungen der Industrie 4.0

Die INACORE GmbH realisierte in kürzester Zeit in Ergoldsbach die Serienfertigung von Sandkernen für die neuen 4-Zylinder-Benzinmotoren von BMW. Kürzlich wurde das neue Werk offiziell eingeweiht.

Kernherstellung mit sechs vollautomatisierten Kernschießmaschinen. / Quelle: Laempe Mössner Sinto/Martin Ledermüller

Dass aus einer Idee tatsächlich auch handfeste Projekte werden, zählt zu den wesentlichen Herausforderungen unternehmerischen Handelns. Oft genug laufen solche Gedankenspiele ins Leere – im Fall der INACORE GmbH  in Ergoldsbach wurde freilich aus einer solchen Idee in kürzester Zeit ein neues Unternehmen, das derzeit knapp dreißig Mitarbeitern einen Arbeitsplatz bietet und auftragsgemäß in den nächsten Jahren 1,5 Millionen Kernpakete zu je neun Einzelkernen für die neuen 4-Zylinder- Benzinmotoren von BMW produziert.

Die R. Scheuchl GmbH in Ortenburg (Niederbayern) ist bereits ein langjähriger Partner von BMW und ein anerkannter Spezialist für verschiedene Bereiche der Gießereitechnik, sei es für Gießanlagen  selbst, aber auch für das Entkernen, Entsanden, Kühlen und für die Nachbearbeitung von Gussteilen usw.

Die Leichtmetallgießerei von BMW in Landshut fragte die Firma R. Scheuchl an, ob sie an der Ausschreibung der externen Kernfertigung teilnehmen möchte.

R. Scheuchl sagte zu, aber dass eine  solche Idee einen Vorlauf hat, liegt auf der Hand. Und dass sie erst einmal ungewöhnlich ist, ebenso. Das BMW-Werk Landshut, das über eine hochmoderne Leichtmetallgießerei verfügt und wo Strukturbauteile, Motorblöcke, Zylinderköpfe und Elektromotor-Komponenten entstehen, war hinsichtlich erweiterbarer Kapazitäten an seine Grenzen gestoßen, sodass eine neue Lösung zu finden war.

Zwar produzierte die Firma R. Scheuchl bislang keine Sandkerne. Aber der Keim für die Idee war gelegt, und Geschäftsführer Dr. Udo Dinglreiter machte sich an die Arbeit. Die Herausforderung war groß, und schnell war klar, dass die Firma R. Scheuchl, dieses Projekt nicht alleine stemmen wollte. Und das hieß: Es musste ein Partner gefunden  werden.

Ein Anruf zur richtigen Zeit und ein überzeugendes Konzept brachte Dinglreiter mit einem Unternehmen zusammen,  das sich der Herausforderung gerne stellte und gemeinsam mit R. Scheuchl das wirtschaftlich überzeugendste Angebot für das  Projekt „Externe Kernfertigung“ bei BMW abgab: die Firma Laempe Mössner Sinto mit Hauptsitz in Barleben (Sachsen-Anhalt).  Das Unternehmen ist immerhin der Weltmarktführer  für Kernschießmaschinen.  Und wie Scheuchl zählt auch Laempe die Marke BMW zu seinem Kundenstamm. Nur war Laempe Mössner Sinto ebenso wenig Hersteller von Sandkernen wie die Firma Scheuchl.

Aber in Geschäftsführer Andreas Mössner fand R. Scheuchl nicht nur einen aufgeschlossenen Partner für das Projekt, sondern es stellte sich auch schnell heraus,  dass die Unternehmenskulturen zueinander passten. Scheuchl und Laempe sind mittelständische Familienunternehmen, die einen langfristigen Ansatz bei einer Zusammenarbeit verfolgen und die, wenn es darauf ankommt, sehr schnell entscheiden können – was auch für die finanzielle Seite des Projekts enorm wichtig war. Außerdem sind beide Unternehmen von Haus aus Maschinenbauer, was die Kommunikation unddas Verständnis füreinander erleichterte.

Im April 2017 gründeten die beiden Firmen  schließlich das Joint-Venture-Unternehmen INACORE GmbH. Einer der Gründe für die Wahl des Standorts Ergoldsbach war die Nähe zum BMW-Werk in Landshut (nur 20 km entfernt). Im Gewerbegebiet von Jellenkofen/Ergoldsbach fand INACORE zudem ein passendes Grundstück inklusive Werkshalle vor, die sich optimal an die Bedürfnisse von IN CORE ausbauen ließ und für die Zukunft auch noch Erweiterungsmöglichkeiten bietet.

Die erforderlichen Kapazitäten waren vorgegeben, und so rüstete das junge Unternehmen das neue Werk entsprechend aus. Laempe Mössner Sinto plante und lieferte sechs vollautomatisierte Kernschießmaschinen, die gesamte Kernsandaufbereitung sowie das umfassende Digitalisierungskonzept zur Produktionsdatenerfassung. Scheuchl wiederum war für Kernlogistik, Werksinfrastruktur, Lager- und Klimatisierungstechnik sowie das Gesamtprojektmanagement verantwortlich.

Qualitätskontrolle im Labor mit
GOM-Messtechnik / Quelle: Theißen

Nachhaltigkeit und Umweltschutz
Andreas Mössner und Dr. Udo Dinglreiter machen im Gespräch mit der GIESSEREI PRAXIS klar, dass das Werk den neuesten Anforderungen hinsichtlich Umweltschutz  und Energieeffizienz entspricht. Dazu zählt eine nachhaltige Klimatechnik, die völlig witterungsunabhängig arbeitet, wobei die Wärme der Abluft je nach Bedarf zur Beheizung der verschiedenen Gebäudeteile genutzt wird. Auch die Erfüllung der Brandschutzbestimmungen war  für ein Werk wie das von INACORE eine besondere Herausforderung. Weil INACORE mit anorganischen Bindern arbeitet, waren die erforderlichen Maßnahmen freilich  geringer als bei der Verwendung von  organischen Bindern.

In Richtung Nachhaltigkeit geht auch die Absicht, in Zukunft eine Sandregenerierungsanlage zu installieren, um so den Prozesskreislauf für BMW zu schließen.

Qualifizierte Mitarbeiter
Innerhalb weniger Monate ein komplettes Werk mit der Maßgabe aufzubauen, ab Januar 2018 serienmäßig Sandkerne in Topqualität zu liefern, war natürlich für sich schon eine höchst anspruchsvolle Aufgabe.  Gleichzeitig stellte sich die Frage: Wo sind überhaupt im Raum Ergoldsbach qualifizierte Mitarbeiter zu finden, die in der Lage sind, die Maschinen zu bedienen und die Produktion zu überwachen. Dr. Udo Dinglreiter: „Wir wussten ja nicht einmal, wie wir die Leute für uns interessieren konnten. Selbst Monate vor der geplanten  Serienfertigung hatten wird nichtsanderes vorzuweisen als eine halbfertige Werkshalle und das Versprechen auf einen  interessanten Arbeitsplatz.“

Offenbar genügte dies vielen Menschen in der Region. Denn nach der Stellenausausschreibung erreichten INACORE weitaus mehr Bewerbungen als erwartet.  Allerdings hatten sie allesamt keine Erfahrung mit der Fertigung von Sandkernen – damit war auch nicht zu rechnen. Daher bestand schon vorher der Plan bei INACORE, dass die neuen Mitarbeiter für ihren neuen Arbeitsplatz besonders qualifiziert  erden mussten.

Hierbei hat BMW wertvolle Hilfe geleistet und jene Mitarbeiter, die direkt  in der Produktion bei INACORE arbeiten würden, über einige Wochen hinweg im  Werk in Landshut in die Kernfertigungeingeführt. 

Bereits Anfang Dezember 2017 konnten BMW erste Kernpakete zur Bemusterung zur Verfügung gestellt werden. Und im Januar 2018 begann schließlich die Serienfertigung der Sandkerne für das Landshuter BMW-Werk.

 

 

Andreas Mössner (links) und Dr. Udo
Dinglreiter, die beiden Geschäftsführer
der INACORE GMBH. / Quelle: Laempe Mössner Sinto/Tobias Lipsdorf

Industrie 4.0 ist RealitätWer durch die Produktion bei INACORE geht, sieht vor allem weitläufige Gebäude mit modernen Maschinen und ein gut gefülltes Lager mit Sandkernen, die  in speziell entwickelten Trägersystemen stehen, in denen sie sicher verladen und transportiert werden können. Nicht sichtbarist jedoch, dass die gesamte Auftragsabwicklung,  die Beschaffung von Sand und Bindern, die Fertigung, die Qualitätskontrolle, die Logistik durchweg digitalisiert sind.

Die Industrie 4.0 ist bei INACORE Realität und macht den gesamten Produktionsverlauf  transparent. „Wir verfolgen bei INACORE eine konsequente Digitalisierungsstrategie“, so Geschäftsführer Andreas Mössner. Unterstützt wurde INACORE dabei von dem Stuttgarter Data- Analyse-Unternehmen Pragmatic Industries,  in dem Laempe Mössner Sinto  beteiligt ist. Schon heute bietet INACORE ine 100-prozentige Teileverfolgung und Datentransparenz aller Maschinen undAnlagen.

Die Digitalisierung soll die Prozesskette  nicht nur automatisieren, sondern auch Optimierungsmöglichkeiten aufzeigen die ohne die Digitalisierung nur mit hohem Aufwand oder gar nicht möglich  wäre.

Ein Nutzen der Digitalisierung ist zum Beispiel auch die Reduzierung von Ausschuss. So können die Produktionsbedingungen von Kernen mit Qualitätsmängeln untersucht und selbst minimale  Abweichungen von der Norm (etwa bei der Temperatur) herausgefiltert werden.Die Kernschießmaschine kann entsprechend eingestellt und der Prozess optimiert  werden.

Kern des Qualitätsmanagements ist die laufende Kontrolle der verwendeten  Rohstoffe, der Produktionsprozesse und der Endprodukte. Dazu zählt auch das  Prüflabor, in das INACORE über 200 000 Euro investiert hat. Dort werden z.B. die angelieferten Sande und fertige Kerne  (u.a. mit optischen Messverfahren) geprüft.

Zudem ist INACORE komplett mit dem BMW-Lager vernetzt. Als nächsten Schritt plant die INACORE bis Ende 2018 die Realisierung des automatisierten Lagers mittels fahrerlosem Transportsystem und automatischer Ein-und Auslagerung.

Weitere Kunden gewinnen
Mit dem Unternehmen INACORE arbeiten Laempe und Scheuchl an der Zukunft der  Kernfertigung sowie der nachfolgenden Gießereiprozesse. „Man hat schon das Ziel mit der INACORE, sich zu einer der führenden Kernmachereien der Branche zu entwickeln“, erklären Dinglreiter und Mössner gemeinsam. „Wir haben jetzt den Aufbau von INACORE und auch die Anlaufphase bestanden. Als nächstes Ziel haben wir uns gesetzt, unsere Effizienz weiter zu steigern und unsere Digitalisierungsansätze weiter umzusetzen. Auch möchten wir weitere Kunden für die INACORE gewinnen“.


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