07.12.2018 | Ausgabe 11/2018

Von der TA Luft bis zu den Netzentgelten

Rund siebzig Teilnehmer waren in diesem Jahr beim BDG Umwelttag im Stahlzentrum in Düsseldorf. / Quelle: BDG, Darius Soschinski

Aktuelle Vorträge und Debatten zu Umweltschutz, Arbeitssicherheit und Energie standen auf dem Programm des 9. BDG Umweltages am 20. September in Düsseldorf. Zum Auftakt resümierte Guido Battenstein, Vorsitzender des Umweltausschusses im Bundesverband der Deutschen Gießerei-Industrie (BDG) und Moderator der Konferenz, was alles an neuen gesetzlichen Bestimmungen und umweltpolitischen Entscheidungen seit dem letzten Umwelttag vor einem Jahr auf die Gießereien hinzugekommen ist. Ernüchterndes Resümee : Bürokratiemonster statt Bürokratieabbau.

Bürokratie hat zugenommen
 Ein aktuelles Beispiel liefert die Novelle der TA Luft, der zentralen Immissionsschutzvorschrift und Genehmigungsgrundlage für mehr als 50 000 Industrieanlagen. Wie Elke Radtke, Ko-Moderatorin der Konferenz und Referentin für Umwelt- und Arbeitsschutz beim BDG berichtete, hat der neue Referentenentwurf vom 16. Juli 2018 die Industrie geradezu kalt erwischt. Ohne Vorankündigung (eine Verbändeanhörung ist auch nicht vorgesehen) stand der Entwurf inmitten der Urlaubszeit kommentarlos im Netz. Mit der Novelle sollen eine Reihe von Inhalten überarbeitet werden.

  Fachfrau Radtke verdeutlichte an einer Reihe von Beispielen, wie gravierend sich die Novelle auf die Gießereibranche auswirken würde. Allein die vorgesehenen Änderungen des Genehmigungsverfahrens würden unausweichlich einen erheblichen bürokratischen und organisatorischen Aufwand in den Unternehmen nach sich ziehen. An neuen Inhalten sieht der Entwurf u. a. eine Erweiterung krebserzeugender Stoffe (u.a. Benzol, Formaldehyd und Qua zfeinstaub) vor.

Neu aufgenommen werden soll die Geruchs-Immissionsschutzrichtlinie (GIRL) in die TA Luft. Auf Druck von Industrie und Wirtschaftsverbänden wie dem BDG sollen zu bestimmten Themen zumindest Gespräche mit Industrie- und Umweltverbänden geführt werden.

Legionellenverordnung als besondere Herausforderung
 Eine Herausforderung der besonderen Art ist die vor einem Jahr in Kraft getretene so genannte Legionellenverordnung (42.BlmSchV). Am 19. Juli dieses Jahres kam die neue Anzeigepflicht hinzu. Für die Betreiber der betroffenen Anlagen besteht seitdem neben der Überwachungs-, Prüf- und Dokumentationspflicht eine Informationspflicht der Behörde bei Überschreitung der Grenzwerte.

Die Legionellenverordnung betrifft Verdunstungskühlanlagen, Kühltürme und Nassabscheider, die unter bestimmten Bedingungen legionellenhaltige Wassertröpfchen (Aerosole) emittieren können. Andreas Niemann von der Bezirksregierung Arnsberg berichtete über erste Vollzugserfahrungen. Der Regierungsvertreter räumte ein, dass es derzeit viele Unsicherheiten und Zweifelsfragen gebe. Messvorschriften und Maßnahmen sind teilweise umstritten, die Erfahrung ist noch gering. Weil die Betreiber der Anlagen in der Regel keine Experten für Mikrobiologie sind, sollten im Zweifelsfall externe Berater hinzugezogen werden.

Eine Sonderregelung gilt zudem in Nordrhein-Westfalen. Hier muss eine Überschreitung der Grenzwerte öffentlich gemacht werden. Die Entscheidung über eine Veröffentlichung treffen das zuständige Gesundheitsamt und die Vollzugsbehörde gemeinsam. Niemann versichert, dass die Bezirksregierung Arnsberg – anders als die Gesundheitsämter – immer auch die Interessen der Betreiber berücksichtige. Eine Anhörung von Verbänden und Behörden zu der NRW-Regelung soll noch erfolgen.

Ergänzt wurden die umwelt- und arbeitsschutzrechtli  hen Aspekte um aktuelle technische Vorträge innovativer Lösungen. „Ganzheitliche, umweltfreundliche Lösungen vom Produkt bis zur Anlagentechnik“ hatten Frank Lenzen von ASK Chemicals und Antonio Cavotta von der ASK-Tochterfirma Xpuris GmbH zum Thema. Das Fazit : Mit innovativen organischen Bindersystemen und der richtigen Anlagentechnik lassen sich hochwertige Gussteile umweltschonend, sicher und wirtschaftlich herstellen. Da organische Bindersysteme prozessbedingt immer Emissionen freisetzen, hilft ein modulares Abluftreinigungssystem wie Xpuris, Emissionen im Gießerei-Prozess nahezu vollständig abzubauen, wie Antonio Cavotta von Xpuris ergänzte.

Sandaufbereitung verbraucht viel Energie
 „Energie- und Ressourceneffizienz in der Sandaufbereitung“ war das Thema von Wolfgang Ernst von der datec GmbH. In den meisten Gießereien ist die Sandaufbereitung nach dem Schmelzbetrieb der zweitgrößte Energieverbraucher. Einsparpotenziale bestehen bei Strom, Abluft und Druckluft. Wie der Energiefachmann aufzeigte, lässt sich nach vorangehender Potenzialanalyse bei der Sandaufbereitung durch Energiemanagement der Energieverbrauch erheblich senken.

Wesentlich sei dabei immer eine intelligente Abfrage der Betriebszustände der Formanlage, da sie Sandbedarf und Sandabgabe vorgibt. Unter Berücksichtigung der verschiedenen Bunkerfüllstände lassen sich frühzeitig Transportanforderungen erfassen. Das „Ausschalten“ der Sandaufbereitung kann deshalb vorausschauend geplant werden, sodass die Produktion nicht verzögert wird.

Über „Kostenreduktion für Luft-verbesserungsmaßnahmen in der Gießerei-Industrie“ referierte Harald Schneuber von der Kappa Filter Systems GmbH. Schneuber ver deutlichte, dass es zu kurz gedacht sei, lufttechnische Anlagen allein nach den Anschaffungskosten zu bewerten. Bei dieser Vorgehensweise würden nur die unmittelbar sichtbaren Investitionskosten betrachtet, die laufenden Betriebskosten jedoch außer Acht gelassen. Eine Lebensanalyse der Anlage ergebe, dass 75 % der Gesamtkosten typischerweise auf den Betrieb entfallen, lediglich rund 23 % auf die Investition und weitere 2 % auf die Entsorgung. Anhand ausgewählter Fallbeispiele zeigte Schneuber die Energieeinsparpotenziale bei Strom und Abwärme auf.

Lufttechnische Anlagen sollten nicht allein nach den Anschaffungskosten bewertet werden. / Quelle: Kappa Filter Systems

Energie-Einsparpotenziale nutzen
 „Light as a Service – Energieeinsparpotenziale mit LED-Technologie“ war das Thema von Kai Ammerich von Signify, der früheren Philips Lighting GmbH. Das Energieeinsparpotenzial von LED-Lampen ist hoch, die Investitionskosten für eine komplette Betriebsumstellung auf LED-Licht leider auch. Ammerich stellte daher eine neue Dienstleistung vor : Das komplette Beleuchtungssystem von Signify betreiben zu lassen, ohne eigene Investitionskosten. Einen Ausblick auf die Zukunft konnte der Lichtexperte auch geben : Die mit Sensoren ausgerüsteten Lampen können wichtige Informationen zur Flächennutzung und für logistische Abläufe liefern.

Weitere interessante Vorträge waren der „Sichere Umgang mit Hochtemperaturfasererzeugnissen“, worüber Peter Ermtraud von Morgan Advanced Materials Thermal Ceramics GmbH vortrug. Weiterhin referierte Dr. Torsten Wolf von der Bezirksregierung Düsseldorf über den „Stand der Technik aus Sicht der Gefahrstoffverordnung“. 

BDG-Energiereferent Dr. Christian Schim nsky schließlich stellte eine Übersicht der aktuellen Stromkostenumfrage unter den Mitgliedsunternehmen des BDG vor. Eines der bemerkenswertesten Ergebnisse förderte die Frage nach den Netzentgelten zu Tage : Hier sind 2017 Erhöhungen von 20 % bis zu 90 % zu verzeichnen gewesen.

Wo Möglichkeiten und Grenzen der Energiekostenoptimierung liegen, zeigte abschließend der Energieversorger AVU auf. Eine klare Aussage : Das vielbeschworene Börsenpreis-optimierte Lastmanagement bringt in der Praxis durchschnittlicher Betriebe so gut wie nichts. Weitere Schlussfolgerungen : Den Partner mit dem besten Preis gibt es nicht, über das Beschaffungsmodell entscheidet die Risikobereitschaft des Kunden. Denn der Erfolg der Energiebeschaffung liegt im Timing.


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