13.02.2019 | Ausgabe 1-2/2019

Historische und aktuelle Aspekte des Glockengusses

Drehschablone für das traditionelle Lehmformverfahren. / Quelle: Rincker/Sinn

Glocken sind gegossene Musikinstrumente. Seit Jahrhunderten bereits werden sie  im „traditionellen Lehmformverfahren“ hergestellt, einem Verfahren, das es für die gute Glocke zu schützen gilt. Der Bundesverband Deutscher Gießereien hat genau aus diesem Grund erst jüngst die „BDG-Richtlinie F1“ herausgegeben: „Das traditionelle Lehmformverfahren zum Herstellen von Läuteglocken“.

Diese BDG-Richtlinie soll nicht dazu dienen Traditionen zu schützen, sie   soll helfen, so lange dieses spezielle Verfahren zu bewahren, bis ein preislichund musikalisch besseres gefunden  sein möge. Alle bisherigen Versuche andereForm- und/oder Gießverfahren, andere Formstoffe, andere Legierungen zu finden, sind stets gescheitert. Die Läuteglocke, die im -in Mitteleuropa seit etwa dem 12. Jahrhundert bekannten- traditionellen Lehmformverfahren geformt, sowie in einer so genannten Glockenbronze mit 78–80% Kupfer, 20–22% Zinn, sowie max. 2% weiteren Legierungsbestandteilen gegossen wird, ist im Grunde bis heute qualitativ unerreicht. Darum sind auch die guten Glockensachverständigen  in Deutschland hierbei ausschließlich gleicher Meinung und verteidigen ebenfalls ausnahmslos dieses Verfahren, das in Mitteleuropa flächendeckend nur noch bei den verbliebenen fünfGlockengießern in Deutschland angewendet wird, sowie bei dem letzten schweizerischen  Glockengießer.

Links der fertig vorgemauerte Kern,
hinten Mitte: Einzieren der Falschen Glocke,
rechte Seite: der gussfertige Lehmmantel / Quelle: Rincker/Sinn

Glocke hat sich schnell durchgesetzt 
In den Anfängen stand die Blechglocke. Sie wurde aus einem Eisen- oder Kupferblech gefalzt und genietet, ähnlich den uns heutenoch bekannten Tierglocken. In den europäischen  Regionen unterschiedlich schnell, spätestens aber etwa seit der ersten nachchristlichen Jahrtausendwende, wurde nun das Gießen von Glocken eingeführt. Trotz des seinerzeit hohen technischen Aufwandes, sowie der immensen Kosten bei der Beschaffung des notwendigen Anteils an Kupfer und Zinn, hat sich die gegossene Glocke überall schnell durchgesetzt. Sie wurde ausschließlich waagerecht geformt. Ihr Gussmodell wurde aus Bienenwachs erstellt, in dieses hat man Inschriften und einfache Zier eingeritzt. Diese ist dann vertieft aus dem Guss gekommen. Die Glocken, die die Zeit überdauerten, zeigen noch heute diese Art.

Etwa im 12. Jahrhundert hat man das  Formen in die heute noch angewandte senkrechte Stellung gebracht, außerdem wird seit dieser Zeit die „Falsche Glocke“ in Lehm geformt und die Glockenzier ausWachs auf diese erhaben aufgetragen. 

Auf ein Brett (sogenannte Dreh-Schablone)wird vom Glockengießer das Profil (die so genannte Glocken-Rippe) der zu formenden Glocke gezeichnet, das den  Längsschnitt dieser darstellt (Bild 1). DiesesBrett wird an der inneren Linie ausgesägt, an einer runden Eisenspindel befestigt und senkrecht drehbar gelagert, damit bekommt die Form perfekte Rotationssymmetrie, was später für den Klang der gegossenen  Glocke unerlässlich ist.

Zuerst wird der Kern gemauert, mit Lehmmischungen schabloniert und durch  stetige Befeuerung getrocknet. Ist dieserfertig dimensioniert, wird die Schablone an ihrer zweiten Linie ausgesägt. Der jetzt  entstandene Zwischenraum zwischen Kern und Schablone wird wiederum mit verschiedenen Lehmschichten gefüllt und befeuert, bis auch dieser gefertigt ist. Dieses Formteil, das Modell, nennt der Glockengießer „Falsche Glocke“ (Bild 2). Die Schablone wird nun nicht mehr gebraucht. Auf diese zweite Form, die Falsche Glocke, wird die Ornamentik in Wachs auf die erkaltete Form aufgetragen (Bild 3), günstigenfalls durch extra beorderte Künstler (Bild 4). Die dritte und letzte Formschicht, der „Mantel“, wird von Hand mit Lehm geformt.

Zuerst werden sehr feine Schlichte-ähnliche „Zierlehmschichten“ (Bild 5) aufgegeben, die lufttrocknen. Ab einer bestimmten Dicke des groben fetten Mantellehms wird wieder befeuert, die Wachs-Ornamentik,  die sich spiegelbildlich negativ und vertieft im Mantel abgebildet hat, schmilzt aus. Hat der Mantel seine endgültige Dicke und Trocknung erreicht (dieser muss beim Einstampfen in der Gussgrube dem Stampfdruck von außen, sowie später dem Gießdruck von innen standhalten), wird dieser von der Falschen Glocke nach oben abgehoben (was wegen den ehemaligen, jetzt ausgeschmolzenen Ornamentik-Hinterschneidungen problemlos möglich ist), die Falsche Glocke vorsichtig zerschlagen, Mantel und Kern zum Guss vorbereitet und der Mantel auf den Kern aufgepasst (Bild 6). Dort wo die Falsche Glocke platziert war, ist jetzt der zu füllende Hohlraum. Die Mantel-/Kern-Form wird in der Gussgrube (sogenannte Dammgrube) in Dammerde eingestampft. Durch ihre vierte Form, die oben aufgesetzte hohle Kronenform, wird die Glockenbronze fallend eingegossen. Aus zwei bis drei weiteren Kronenhenkeln mit aufgesetzten Entgasungsröhren(sogenannten Windpfeifen) werden  die beim Formfüllvorgang entstehendenGase abgefackelt. Nach Abkühlung (dies  kann bei großen Glocken viele Tage dauern)wird die Glocke aus der Dammerde geholt, von Mantel und Kern befreit und erstmals  angeschlagen. Innen in der Glocke kann durch geringfügiges und rotationssymmetrisches  usschleifen an bestimmten Stellen an Teiltönen der Glocke noch nachkorrigiert  werden. Dies muss allerdings im mikrotonen Bereich geschehen, da sich sonst der Klang der Läuteglocke verändert, was grundsätzlich immer hörbar wahrgenommen wird.

Fertige Bronzeglocke / Quelle: Rincker/Sinn

Glocke als Musikinstrument
Eine Glocke im traditionellen Lehmformverfahren hergestellt, kann nicht immer perfekt  gelingen. Es ist ein Gießereihandwerk, in dem es zwar selten, aber selbstverständlichimmer wieder zu Fehlgüssen kommt. In anderen Glocken-Herstellungsverfahren allerdings ist es umgekehrt eher die Ausnahme, wenn eine Glocke nicht erst durch Ausdrehen „eines dick gegossenen Topfes“tonlich versucht wird, aus diesem eine Glocke herzustellen.

Das Musikinstrument Glocke besteht aus fünf wichtigen Lauttönern (den Principaltönen), die beim Anschlag der Glocke mit einem aus Stahl geschmiedeten Klöppel zu  inem vermeintlich hörbaren Ton zusammenklingen, sowie vielen weiteren Obertönen (den Mixturtönen). Letztere stehen eher für das musikalische Timbre der Glocke, bzw. des Glockengießers (ähnlich eines Flügels, einer Orgel, etc.). Die Principalen: Unterton (bei modernen Glocken eine Unteroktave), Prime, Moll-Terz, Quinte, sowie (Ober-)Oktave bilden den sogenannten Schlagton, den wir Menschen hörbar empfinden, der allerdings nicht existiert, also nicht nachweisbar ist.

Die einzelnen Teiltöne werden bei Läuteglocken auf 1/16 eines Halbtones genau berechnet, gegossen und mit Messinstrumenten  gemessen. Eine Tonkorrektur nach dem Guss sollte, wenn nötig, nur durch Ausschleifen und stets sehr empfindsam in möglichst geringfügigem Sechzehntel- Halbtonbereich durchgeführt werden. Glocken in dieser Qualität und Präzision herzustellen, gelingt grundsätzlich bis heute ausschließlich im vorgehend beschriebenen traditionellen Lehmformverfahren, nur in Ausnahmen in den folgend zu beschreibenden Sandformverfahren:

Das älteste ist das Zementsand-Formverfahren. Dieses im Industrieguss schon länger angewandte Verfahren wurde seit den 1920er Jahren auch für das Formen von Glocken übernommen. Die gute Dauerstandfestigkeit des Zementsandes nachdem Guss macht dieses Verfahren zumindest in dieser Beziehung fast gleichwertig zum Lehm.

Ungeeignet aus Umweltgründen, wenn  nicht wirklich sehr gut abgesaugt oder evakuiertwird, ist für Mitarbeiter und Zuschauer (die beim Guss von Glocken stets in großer Zahl anwesend sind) das Formen undGießen in Furanharz-gebundene Sande. Außerdem  st die Dauerstandfestigkeit nichtvergleichbar mit Zementsand oder Lehm.  Dennoch wird dieses Verfahren außerhalb Deutschlands fast ausschließlich bei Glockengießern angewandt. Die Standards für Glocken ist in keinem anderen europäischen Land so hoch wie in Deutschland. Zu diesem mit Furanharz gebundenem Sandgussverfahren zu zählen ist auch das von einem Gießer so genannte „Qualitätsorientierte Lehmformverfahren“, das nur geringste Zusatzschicht aus Lehm dekoriert, also eindeutig zu den Sandgussverfahren zu zählen ist. Gleichfalls ungeeignet ist das Gießen von Läuteglocken in Wasserglas-gebundenem Sand, wenngleich dieser wenigstens für Mensch und Umwelt harmlos ist.

Unter anderem wegen der sehr ungünstigen Dauerstandfestigkeit von Natursanden, sind auch diese nicht geeignet zum Guss von dickwandigen Glocken.

Der Glockenguss ist stets ein Ereignis,
auch für die Kirchengemeinde. / Quelle: Rincker/Sinn

Lehm als Formstoff am besten geeignet
Als Ergebnis bleibt festzuhalten, dass es bis heute keinen Formstoff gibt, egal ob organisch oder anorganisch gebunden, der annähernd zum Guss von Läuteglocken gleichwertig geeignet wäre, wie der traditionelle Lehm. Gleiches gilt übrigens auch  für die Ornamentik der Glocke. Sie soll inerster Linie natürlich als Musikinstrument gut klingen. Da sie aber auch Jahrhunderte halten soll, sollte möglichst auch ihr Äußeres dekorativ gestaltet sein, was bis heute in Sandgussverfahren nicht annähernd  vergleichbar möglich ist, wie im Wachsausschmelzverfahrenin Lehmformen.

In den beiden vergangenen Jahrhunderten wurde mit anderen Metallen und Legierungen  ür Glocken experimentiert, auch  hier kam es nie zu einem der altbewährtenGlockenbronze vergleichbaren Ergebnis.  Man wollte die teure Mischung aus Kupferund Zinn ersetzen und goss Glocken aus Zink-, Mangan-, Aluminium- und Siliziumlegierungen. 1855 stellte man die erste Glocke in Stahlformguss zur Pariser Weltausstellung vor und versuchte erstaunlicherweise sogar aus dämpfendem, aber -vor allem nach den beiden Weltkriegen- billigem isenhartguss das Musikinstrument Glocke  zu gießen. Alles misslang. Es werden heuteweltweit wieder Glocken ausschließlich 

aus Glockenbronze gegossen. Die ältesten Glocken, die wir heute kennen sind aus einem Grab in der chinesischen Provinz  Hubei gehoben worden, sie sind etwa 3 500Jahre alt, in genau dieser Legierung gegossen und klingen sogar heute noch in einem dortigen Museum hörbar fast wie neu.

Auch die deutschen Glockengießer wissen natürlich, dass Tradition nicht die Anbetung von Asche sein kann, sondern die Weitergabe von Feuer bleiben muss. Darum werden wir weiter forschen und experimentieren,  bis wir eines Tages einen Ersatzfür das teure traditionelle Lehmformverfahren und/oder die teure Glockenbronze gefunden haben, auch um wieder konkurrenzfähig zu werden, vor allem für wachsende außereuropäische Märkte. Solange dies aber noch nicht gelungen ist, werden wir Deutschen weiterhin versuchen, standhaft das von deutschen Glocken in Fachkreisen als unübertroffene Qualität für das Musikinstrument Glocke bewiesene Verfahren beizubehalten.   


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