13.02.2019 | Ausgabe 1-2/2019

Das Vorspiel vor dem Hauptstück

Wachstumseuphorie in der größten Demokratie der Welt

Maruti Suzuki, Markführer in Indien, präsentiert den Prototyp der Elektrofahrzeuge, die im Werk Gurugram für Feldversuche im ganzen Land gebaut wurden. Bis 2020 sollen sie auf dem indischen Markt verfügbar sein. Die Flotte wurde in Japan entwickelt und im Sinne der indischen Regierungsinitiative„Make In India“ in Gurugram gebaut. / Quelle: Maruti Suzuki

Indien, das bald bevölkerungsreichste Land der Welt, will beispielhaftes Land der Automobilproduktion werden. Autorin Corinna Robertz hat das globale Treffen der  Aluminiumindustrie, die ALUCAST, in Neu-Delhi besucht.

Sein Land soll China endlich auf Augenhöhe begegnen und dafür muss sich einiges ändern: Premierminister Narendra Modi wird als wirtschaftsfördernder Modernisierer  verehrt, simultan als antimuslimischer Spalter der Gesellschaft gefürchtet. Der Hindu-Nationalist ist mit dem Versprechen von Dynamik und Fortschritt für sein Land berühmt geworden. „Indien hat gewonnen. Es stehen gute Tage bevor“, verkündete er nach der Parlamentswahl 2014, die seine Partei BJP eindrucksvoll gewann. Seit den guten Tagen sind fünf Jahre vergangen: Im Mai wird in der größten Demokratie der Welt erneut gewählt.

Narendra Modi wurde Premierminister eines Landes, in dem 600 Millionen Menschen  unter 25 Jahren leben. Die Bevölkerung wächst schneller als die in China. Das bedeutet: Indien wird, noch vor 2025, das bevölkerungsreichste Land der Welt sein. Die Demographie lockt, nicht zuletzt wegen der kraftvollen, vor allem aber kostengünstigen Arbeitskraft, globale Investoren. Denn mit expansiver Finanzpolitik fördert die Regierung den Konsum. Dazu gesellt sich das Potenzial und die Größe des indischen Absatzmarktes.

„Minimum Government, Maximum Governance“
Make in India soll ein Aufruf zum Handeln an die indischen Bürger und Wirtschaftsführer  als auch eine Einladung an potenzielle Partner und Investoren der ganzen Welt sein: Unter der Leitung von Premierminister Narendra Modi und seinem Vorschlag von „Minimum Government, Maximum Governance“ wurde die Initiative 2014 ausgerufen. Sie soll die Fertigungsindustrie stärken, indem die Bedingungen für globale Unternehmen reformiert wurden. Waren sollen zukünftiger weniger importiert, sondern vielmehr vor Ort gefertigt werden. So will Modi das Handelsbilanzdefizit reduzieren und pro Monat eine Millionen Jobs für die Bevölkerung schaffen.„Minimum Government, Maximum Governance“ Make in India soll ein Aufruf zum Handeln an die indischen Bürger und Wirtschaftsführer  als auch eine Einladung an potenzielle Partner und Investoren der ganzen Welt sein: Unter der Leitung von Premierminister Narendra Modi und seinem Vorschlag von „Minimum Government, Maximum Governance“ wurde die Initiative 2014 ausgerufen. Sie soll die Fertigungsindustrie stärken, indem die Bedingungen für globale Unternehmen reformiert wurden. Waren sollen zukünftiger weniger importiert, sondern vielmehr vor Ort gefertigt werden. So will Modi das Handelsbilanzdefizit reduzieren und pro Monat eine Millionen Jobs für die Bevölkerung schaffen.

Volkswagen nimmt Anlauf, Maruti Suzuki verstärkt StellungBisher
besitzen nur etwa 3,2 Prozent der Inder ein Auto, in Deutschland beispielsweise  sind es fast 70 Prozent. Mit der Einführung von 100% Foreign Direct Investment (FDI) in den Automobil- und Zuliefersektor haben globale Unternehmen begonnen, im Land Produktionsstätten zu errichten. Die Fahrzeuge werden sowohl für den lokalen als auch den globalen Markt gebaut.

Nicht zuletzt die Ankündigung des deutschen Automobilkonzerns Volkswagen sorgte für Aufsehen: In den Jahren bis 2021 werde das Unternehmen rund 1 MilliardeEuro für das Land aufwenden, sechs neue  Modelle sollen in Entwicklung gehen. Die Leitung des „India 2.0“ genannten Expansionsprojekts übernimmt Skoda. Bis in gleichem Jahr kündigte auch Kia Motors, zweitgrößterAutomobilhersteller aus Südkorea,  eine Erhöhung ihrer Investition von 1,1 Milliarden Dollar auf zwei Milliarden Dollar an. Damit sollen 10.000 Arbeitsplätze geschaffen werden.

Denn noch profitieren japanische und oreanische Marken von der Lust der Inder am Autofahren: Der mit Abstand größte Autobauer auf dem Subkontinent ist das japanisch-indische GemeinschaftsunternehmenMaruti Suzuki mit einem Marktanteil  von 53 Prozent. Um ihre Stellung zu halten, sollen drei Milliarden Dollar investiert werden, vor allem für die Entwicklung elektrischer und hybrider Fahrzeuge. Folgend besetzen Hyundai Motor India und Tata Motors den Markt. Als Automobilzulieferer in Indien sind Bosch, Rico Auto Industries, Wheels India, Continental, Magna, Valeo oder Schaeffler India zu nennen.

Der Vorhang öffnet sich In den nächsten zehn Jahren wird die Automobilindustrie  auf globaler Ebene einen signifikanten Wandel erleben. Zu den wichtigsten zu erwarteten Entwicklungen gehören die Verlagerung der steigenden Automobilnachfrage von den Industrieländern in die Entwicklungsländer (hauptsächlich BRICS-Staaten). Indien soll bis 2026 zu dendrei führenden Automobilindustrien der Welt gehören, damit 65 Millionen direkte  und indirekte Arbeitsplätze schaffen und12% zum indischen BIP beitragen. Bis dahin  sollen 13 Millionen Personenkraftwagen, 3,9 Millionen Nutzfahrzeuge und 55 Millionen Zweiradfahrzeuge im Rahmen des ausgerufenen Automotive Mission Plan (AMP) 2016-26 produziert werden.

Die als „Curtain Raiser“ (meint hier: ein kurzes Vorspiel vor dem Hauptstück) betitelte Vision der indischen Regierung und des Automobilverbands SIAM (Society of Indian Automobile Manufacturers) prognostiziert  ein Wachstum von 300 Prozent, bedeutetalso ein jährlich durchschnittliches Absatzwachstum von zehn Prozent. Die Realisierung  der Initiative fordert zusätzliche Investitionen von 25-30 Milliarden Dollar.

Quelle: NürnbergMesse India

Elektromobilität soll Kraftstoffsicherheit schaffen
Geschafft werden soll auch der Paradigmenwechsel in der Automobil- und Transportindustrie durch die Förderung von hybrider und elektrischer Mobilität. Der National Electric Mobility Mission Plan 2020  (NEMMP) sieht bis 2020 einen Fahrzeugbestandvon rund 6-7 Millionen dieser Fahrzeuge  vor. Dadurch soll auch die nationaleKraftstoffsicherheit gewährleistet werden.

Das daran anknüpfende Faster Adoption & Manufacturing of Electric Hybrid Vehicles (FAME) Scheme soll Elektrobusse, Elektrodreiräder und elektrische Gemeinschaftstaxis in den öffentlichen Verkehr einführen. Dafür wurden in Phase 1 des FAME 67 Millionen Dollar an 11 Städte, unteranderem Delhi, Bangalore und Jaipur,  zugeteilt. Doch selbst hohe Investitionen, staatliche Politik und Fördermittel lassen die Entwicklung des Landes, gerade die Entwicklung der Elektromobilität in Indien, unwahrscheinlich erscheinen. In Indien sind die Lithium-Ionen-Batterien sind teuer, weil sie importiert werden müssen. Erst wenndie Batterien in einheimischen Unternehmen  hergestellt werden, können die Preise für die Fahrzeuge sinken. Im Rahmen von NEMMP werden trotzdem bereits landesweit  adestationen geplant und errichtet.

Erste nutzbare elektrische Fahrzeuge werden wohl durch Flottenbetrieber wie  Ola, Uber oder Zoomcar erfolgen. Erst dannwird die persönliche Nutzung geschaffen, sobald die Preise fallen. Interessant ist aber, dass die ländlichen Märkte ein Umsatzwachstum von Automobilen erfahren,  während die Metropolen einen Rückgangverzeichnen. Strukturelle Veränderungen  wie „Shared Mobility“ sind in Indiens Metropolen, wie weltweit, vor allem für die Jugend eine Alternative zu dem herkömmlichenBesitz als Statussymbol.

Die Disruption   
Der Verbrennungsmotor steht vor einer existenziellen Krise, das ist längts nicht nur in Indien bekannt. Wie sich Elektrofahrzeuge  und Hybriden aber in der Republik entwickeln werden, ist ungewiss. Mit der Verschärfung der Umweltgesetzgebungen und dem steigenden Druck, Kraftstoffverbrauch und CO2-Emission der Fahrzeuge zu mindern bedeutet, dass in Zukunft leichtere Materialien als Stahl und Gusseisen benötigt werden. In elektronischen Fahrzeugen muss das zusätzliche Gewicht der Lithium-Ionen-Batterien ausgeglichen werden. Damit sind dünnwandige Gussteile für die Leichtbauweise von Fahrzeugen und Strukturteilen, die die Last tragen, indem sie das beste Verhältnis von Gewicht zu Stärke bieten, wichtig. Die Dynamik der Aluminiumindustrie wird sich mit erhöhter Verwendung ändern: Bis 2022 soll das durchschnittliche Auto fast 100 zusätzliche Kilo Aluminium enthalten, um schwere Komponenten zu ersetzen. Weltweit soll sich der Einsatz von Aluminium im Automobil bis 2025 von rund 12 % auf 25 %, das entspricht  30 Millionen Tonnen, verdoppeln.

Quelle: NürnbergMesse India

Teil des Wachstums   
„In Indien gibt es viel zu tun“, räumt Sonia Prashar, Geschäftsführerin der NürnbergMesse India, die in diesen Tagen die ALUCAST veranstaltet. Gemeinsam mit dem Verband für Aluminiumguss ALUCAST (Aluminium Casters’ Association of India) kommt das Publikum für das globale Treffen der Aluminiumindustrie alle zwei Jahre in wechselnden Städten Indiens zusammen. Prashar fügt an: „Wir haben noch nicht erreicht, was China geschafft hat. Aber um Teil der indischen Wachstumsgeschichte zu werden, würde ich doch hier sein wollen. Die Möglichkeiten sind absolut unbegrenzt.“

Rund 150 Aussteller versammeln sich auf 7 000 m2 Fläche und bieten die Technologien der gesamten Wertschöpfungskette des Aluminiumdruckgusses. Auffallend ist: Im Austausch besonders der globalen  Unternehmen ist der Preiskampf meistdiskutiert. Während der deutsche Markt detailfokussiertsei, spiele der Preis auf dem  indischen Markt nach wie vor die Hauptrolle und müsse der absolut günstigste sein, auch wenn die Technologie dafürzurücktritt, so Lehmann, Verantwortlicher für den indischen Markt des schwäbische Werkzeugbau-Unternehmens Frech.  „Ähnlich wie in Südamerika ist der Preis ein sehr wichtiger Faktor, um überhaupt in den Markt eintreten zu können.“, erklärt Romani der Idra Gruppe. Auch Marc Fuchs der Bühler AG gibt zu, die Preissensitivität des Marktes stelle eine Herausforderung dar.

Ähnliche Erfahrungen machten die Automobilbauer, von denen praktisch jeder  versuchte, in den Kleinwagenmarkt einzusteigen und sich an der Entwicklung Indiens zu beteiligen. Sie wurden alle schnell durch den Löwenteil von Maruti Suzuki als als auch Hyundai gedemütigt und schafften es kaum, sich gegen die kleinen, vor allem aber günstigen japanisch-koreanischen Lösungen durchzusetzen.

Indien wird sich in diesem Jahr ändern: Die Neuwahlen werden den politischen  Weg der größten Demokratie der Welt weisen. Gleichzeitig sind neue Sicherheitsnormenfür die Automobilindustrie geplant. Ab 2020 tritt in Indien die Emissionsnorm Bharat VI in Kraft, die der EURO VI-Norm  entspricht. Für die Aluminiumindustrie aber eröffnet die Entwicklung die Opportunität des Neuen: Im stillen Auto der Zukunft, indem kein Verbrennungsmotor röhrt, wird Lärmkompensation wichtig. Ebenso ist die  gießtechnische Integration elektronischer Funktionselemente, das „Smart Casting“, von zunehmender Bedeutung. Sie ermöglichen die Zustandsüberwachung von Gussteilenwährend ihrer Nutzungsphase und  bilden die Basis für die Digitalisierung der  Herstellungsprozesse von Gussteilen.

Die ALUCAST findet in einem Rhythmus von zwei Jahren in unterschiedlichen  Städten Indiens statt. Das nächste Industrietreffen wird 2020 in Chennai sein.

Alle geführten Gespräche sind im Videoformat hier einsehbar.


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