15.03.2019 | Ausgabe 3/2019

B2B-Marktplätze für den Wertstoffhandel als Chance für Gießereien

In Gießereien fällt regelmäßig Metallschrott an, der als Wertstoff wieder in den Handel und damit in die Kreislaufwirtschaft gebracht werden kann. Häufig arbeiten Händler und Abnehmer ausschließlich mit Partnern, zu denen ein persönlicher Kontakt besteht. Die Folge ist, dass enormes Handelspotenzial nicht ausgeschöpft wird. Hier bietet die Plattform-Ökonomie einen alternativen Ansatz.

Foto: Steinert, scrappel

Unternehmen aus der Metallbranche sind stets auf der Suche nach  neuen Handelspartnern. Automobilzulieferer haben beispielsweise  massenhaft Abfälle aus der Metallbearbeitung,  die gewinnbringend veräußerterden können. Auf der anderen Seite   stehen Gießereien und weitere Verwerter, die bedarfsgerecht Sekundärrohstoffe benötigen, um die Produktionsauslastung zu gewährleisten.

Zusammen mit weiteren Akteuren bildet der Handel mit Schrott und Metallen einen gewaltigen Markt : Am Industriestandort Deutschland agieren über 50 000 Unternehmen in den Bereichen aschinen- und Anlagenbau sowie Bau und  Handwerksunternehmen. [1] Hinzu kommen ca. 20 000 Unternehmen aus dem Bereich Metallerzeugung und -verarbeitung, wie etwa Walz- und Stanzwerke oder auch Stahlproduzenten und  Gießereien. Aber auch Entsorgungsunternehmen, Schrottpressen und Abbruchunternehmen spielen in diesem Zusammenhang  eine Rolle – und machen zusammen ebenfalls rund 6 000 weitere Akteure aus. [2]

Die schiere Menge an Akteuren ist Fluch und Segen zugleich : Einerseits gibt es ausreichend Anbieter und Abnehmer, sodass sich theoretisch ein gesundes Maß an Wettbewerb und damit genügend Spielraum für Preisverhandlungen einstellen sollte. Andererseits führen die Größe und Unübersichtlichkeit des Markteszu Intransparenz. In der Konsequenz  haben Marktteilnehmer keinen Überblick über das Marktangebot und das entsprechende Preisniveau.

Charakterisierung des Schrott- und Metallhandels in Deutschland 
Neben der Intransparenz bietet der Markt für den Schrott- und Metallhandel weitere Eigenheiten, die einen effizienten Handel  rschweren. Zunächst ist der Handelsprozess immer noch stark durch analoge Prozesse dominiert. Ein Großteil der Arbeitsabläufe erfolgt noch analog, sprich per Telefon, Fax oder E-Mail. Selbst wenn Tabellen und Kalkulationen am PC erledigt  werden, so findet die Angebots- und Rechnungsstellung noch allzu häufig per Brief statt. Aufträge werden am Telefon erteilt und Details zum Geschäft oft von Angesicht zu Angesicht vereinbart. Sind diese geklärt, müssen sie händisch in die unternehmenseigenen  Systeme eingetragen werden. Damit sind Handelsprozesse nicht nur sehr ressourcen- und zeitintensiv, sondern auch fehleranfällig.

Des Weiteren ist der Markt aufgrund der Unterschiedlichkeit der Akteure, die potenziell am Handel mit Schrott und Metallen teilnehmen können, übermäßig  stark fragmentiert.

Das wohl größte Problem im Schrottund Metallhandel bleibt jedoch das fehlende  Vertrauen zwischen den Marktteilnehmern. Sorgen reichen dabei von Täuschungsversuchen bei der Materialzusammensetzung  er unrealistische Preise bis hin zu Zahlungsausfällen. Viele  Händler und Abnehmer arbeiten deshalb ausschließlich mit Partnern, zu denen ein persönlicher Kontakt besteht. Kombiniert führen die Umstände dazu, dass enormes Handelspotenzial nicht ausgeschöpft wird. Hier bietet die Plattformökonomie einen alternativen Ansatz.

Die Rolle von Plattformen
In der Plattformökonomie wird grundsätzlich zwischen zwei Arten von Plattformen unterschieden : Technische Plattformen, die beispielsweise in IoT-Projekten zum Einsatz kommen, und Marktplattformen. [3] Letzteren wird in der Regel die Rolle des Mittlers zugeschrieben. In einer Studie des VDMA werden sie beispielsweise definiert als : „Intermediäre […], die mit Hilfe von digitaler Technologie zwei oder mehr Marktteilnehmer über die Plattform verbinden und deren Interaktion vereinfachen.“[4]

Es geht also darum, mittels internetbasierter Software Anbieter und Abnehmer zusammenzubringen und im Idealfall alle notwendigen Prozesse des Handels (wie Informationsbeschaffung, Kommunikation oder auch das Bezahlsystem) zur Verfügung zu stellen. Ziel, beziehungsweise Mehrwert, den eine Plattform erbringen soll, ist es, die Transaktionskosten der Handelsprozesse zu minimieren.

Daneben bieten Plattformen oft Value Added Services, die die Kernleistung des Angebots weiter anreichern. Realisiert  wird das, indem Drittanbieter, beispielsweise aus dem Finanz- oder Logistikbereich, ihre Dienste auf der Plattform anbieten, ohne am eigentlichen Handelsprozess beteiligt zu sein. Anbieter und Abnehmer können so Dienste wie Transport oder Warenkreditversicherung direkt auf der Plattform in Anspruch nehmen und profitieren von einer One-Stop-Lösung, in der sie sich nicht um die Suche nach externen Dienstleistern kümmern müssen.

Plattformen im Wertstoffhandel
Im Fall des Metall- und Wertstoffhandels  bieten Plattformen zunächst einen Marktüberblick, mit Hilfe dessen sich die Akteure orientieren und entsprechend gerüstet in die Verhandlungen zu geeigneten Konditionen gehen können. Zusätzlich hilft die Bündelung von Informationen über den potenziellen Handelspartner sowie dessen Angebot bei der Auswahl. Ist beispielsweise  die Frage, ob ein Verkäufer bereit für Preisverhandlung ist oder auf einen Festpreis besteht von vornherein geklärt, können Geschäftsanbahnungen gezielter erfolgen. Ist ein geeigneter Handelspartner gefunden, wird die Kommunikation über die  lattform abgewickelt. Statt sich in diversen E-Mails zu verzetteln, können Angebote und Bedingungen rund um das Geschäft per (Video)-Chat abgestimmt werden. Kommt es in der Folge zu einer Einigung, kann der Kaufvertrag direkt innerhalb der Plattform geschlossen werden. Moderne  Plattformen verfügen dafür über ein integriertes Dokumenten-Management und erlauben so die Verwaltung von Rechnungen, Aufträgen und Angeboten an einem zentralen Ort. Damit wird die „Zettelwirtschaft“ deutlich reduziert.

Vertrauen und Sicherheit als entscheidende Kriterien
Das zentrale Argument für seriöse Plattformen ist jedoch die Lösung des Vertrauensproblems : Um die Professionalität  und Vertrauenswürdigkeit potenzieller Handelspartner zu gewährleisten, setzenPlattformen wie scrappel auf das „Know-  Your-Customer“-Prinzip. Ursprünglich in der Finanzindustrie eingeführt, um Geldwäsche zu unterbinden, versteht man darunter allgemein die Überprüfung und Verifizierung der Geschäftsdaten von Unternehmen und der persönlichen Daten von Neukunden. [5] Somit wird verhindert, dass unseriöse Angebote gemacht, oder die vertretungsberechtigte Person im Betrugsfall nicht identifiziert werden kann.

Gleiches gilt für Bezahlprozesse. Ein Handelspartner ist in der Regel eher gewillt,  ein Geschäft mit einem ihm völligfrem den Unternehmen abzuschließen, wenn der Transaktionsprozess entsprechend abgesichert wird. Hier bieten sich zwischengelagerte Überweisungen aufein Treuhandkonto an, auf dem der Kaufbetrag hinterlegt und erst bei Bestätigung des Wareneingangs automatisch freigegeben wird. Um das Risiko eines Zahlungsausfalls gänzlich zu eliminieren, kann auch die Dienstleistung von Drittanbietern aus der  Factoring-Branche in Anspruch genommen werden. Diese Drittanbieter aus dem Finanzbereich kaufen Rechnungen, wodurch  der Verkäufer den Kaufpreis sofort erhält.

Spezielle Anforderungen der Gießerei-Branche
Viele der bisher beschriebenen Vorteile sind durchaus attraktiv für Akteure aus der metallerzeugen den   Industrie. Und die Beschaffenheit der deutschen Gießerei-Landschaft bietet gute Voraussetzungen für die Teilnahme an der plattformbasierten Beschaffung  oder Absteuerung von Schrott und Metallen.

Laut dem Bundesverband der Deutschen  Gießerei-Industrie (BDG) werden jährlich ungefähr fünf Millionen Tonnen Schrott in Gießereien eingesetzt, was die Branchezu einer wichtigen Komponente der Recycling- Industrie macht. Über 95 Prozent der  rund 600 deutschen Gießereien sind dabei mittelständische Unternehmen. [6] Diese verfügen in der Regel über gut strukturierte ERP-Systeme, womit die Anbindung von  Plattformen über Standard-Schnittstellen eine übersichtliche Herausforderung darstellt.  Ist die Verifizierung auf der Plattform und die entsprechende Anbindung an das eigene ERP-System erfolgt, bietet sich Gießereien die Chance, ihre Beschaffung besser zu steuern.

Informationen zu Qualität, Menge und Art des angebotenen Materials werden  übersichtlich dargestellt und bieten die Möglichkeit, zielgerichtet bestimmte Schrottsorten oder -arten einzukaufen.  Kann beispielsweise für einen speziellen Guss ausschließlich Neuschrott verwendet werden, kann auf Plattformen dezidiert nach dem Material gesucht werden. Alternativ können potenzielle Handelspartner nach den entsprechenden Kriterien ausgewählt werden. Für Neuschrott wären das dann Unternehmen, die explizit Produktionsabfälle wie Blechpakete oder -abschnitte anbieten.

Für eine Compliance-gerechte Abwicklung kann darüber hinaus nach Händlern gesucht werden, die entsprechende Zertifizierungen  wie die DIN ISO 9001 vorweisen können. Das bietet neben dem Verifizierungsprozess zur Anmeldung zusätzliche Rechtssicherheit. Um diese auch während des gesamten Geschäftsprozesses aufrecht   zu erhalten, werden alle Schritte, die auf der Handelsplattform getätigt werden, nachvollziehbar dokumentiert – von der Geschäftsanbahnung bis zur Bezahlungen. So wird die Fehleranfälligkeit von händischen Eingaben verringert und die Effizienz in der  Abwicklung erhöht.

Fazit : Es besteht Aufklärungsbedarf
Gießereien zählen zwar nicht zur New Economy,  können jedoch erheblich von letzterer profitieren. Wie im vorliegenden Beitrag aufgezeigt wurde, können unabhängige Plattformen einen wichtigen Beitrag für Gießereien als Teilnehmer am Wertstoffhandel  leisten. Werden die entsprechenden Voraussetzungen der Unternehmen berücksichtigt, bieten sie nicht nur neue Absatzwege für Händler, sondern erleichtern Gießereien auch die Steuerung ihres Einkaufs und effizientere Abwicklung von Handelsprozessen.

Vor diesem Hintergrund überrascht es,dass laut einer Bitkom-Befragung nicht einmal  die Hälfte der Unternehmen etwas mit dem Begriff „Plattformökonomie“ anfangen konnten. [7] Hier sind Marktteilnehmer, Verbände und die Politik gefragt, um mehr Aufklärungsarbeit zu leisten.


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