12.04.2019 | Ausgabe 4/2019

„Die perfekte Lösung für unsere Ersatzteilprobleme“

Im Gespräch: Stefanie Brickwede, Head of Additive Manufacturing bei der Deutschen Bahn

Foto: Mobility goes Additive e.V.

Stefanie Brickwede verantwortet bei der Deutschen Bahn die Additive Fertigung. Im Interview erzählt sie,warum Frauen untereinander schneller stabile Geschäftsbeziehungen knüpfen, wie sich die Ökonomin sich für Additiven Fertigung begeistert hat und warum das Prototyping für die Deutsche Bahn keine große Rolle spielt.

Auf dem Additive Manufacturing Forum, das im März in Berlin stattfand, muss man Stefanie Brickwede, Head of Additive Manufacturing bei der Deutschen Bahn AG, nicht lange suchen: In einem Meer aus schwarzen Anzügen und weißen Hemden steht sie im fuchsiafarbenen Blazer, gestikulierend und umringt von Zuhörern. Was sie zu sagen hat, interessiert viele. Deshalb steht sie auf dem AM Forum auch auf der Bühne und hält einen Vortrag unter dem „Additve Fertigung – Was ist für die Welt drin?“

Wenn sie nicht gerade ihre Eisenbahnkollegen vom 3D-Druck überzeugt oder auf Fachtagungen spricht, ist sie Managing Director des Netzwerkes Mobility goes Additive e.V. – hier verknüpfen sich Maschinenhersteller, Druckdienstleister, Softwareunternehmen, Nutzer, Beratungen, Universitäten und Institute. Im Vorfeld des Forums hat das Netzwerk den European Summit for Women in Additve Manufacturing veranstaltet, auf dem weibliche Fach- und Führungskräfte der Branche auf dem Podium sprachen und Geschäftsbeziehungen knüpften. GIESSEREI PRAXIS sprach mit der AM-Expertin Brickwede im Rahmen des AM Forums.

Foto: Deutsche Bahn AG/Georg Wagner

GIESSEREI PRAXIS: Sie haben das European Summit for Women in Additive Manufacturing veranstaltet. Warum braucht die Branche eine Veranstaltung für Frauen?
Stefanie Brickwede: Vor zweieinhalb Jahren auf der Formnext fragte ein mexikanischer Kollege Lisa Widmann, die heute bei Ultimaker ist, und mich: Ist euch das nicht langweilig, dass hier nur Männer sind? Frau Widmann und ich mussten lachen und sagten: Komm, da müssen wir was tun. So entstand die Initiative und so habe ich im vergangenen Jahr im Rahmen des Additive Manufacturing (AM) Forum zu einem Business Lunch for Women in AM eingeladen, um den Frauen mehr Sichtbarkeit zu verleihen. Ich habe immer gedacht, dass der Frauenanteil bei der Bahn gering ist, aber in der 3D-Druck-Branche ist er deutlich geringer. Ich halte relativ viele Vorträge und habe es häufig erlebt, dass ich in einem Auditorium von 200 Leuten begrüßt wurde mit „Sehr geehrte Frau Brickwede, meine Herren…“.

Auf dem diesjährigen AM Forum gab es unter den Rednern fünf Frauen und 65 Männer. Was glauben Sie, woran das liegt?
Das ist eine gute Frage. Erst einmal ist die Branche sehr technisch und sehr IT-affin – das sind Bereiche, die ja ohnehin eher von Männern dominiert sind. Und die Frauen, die es in diesem Bereich gibt, sind meist nicht sichtbar. Dabei gibt es großartige Frauen und das war auch die Quintessenz auf unserer Women in AM Veranstaltung: Was hatten wir für tolle Speakerinnen! Signe Ratso, stellvertretende Generaldirektorin für Forschung und Entwicklung bei derEuropäischen Kommission, kam nur, weil es eine reine Frauenveranstaltung war. Als hohe Führungskraft der Europäischen Kommission bekommt sie natürlich ganz viele Einladungen.

Wer stand sonst noch auf der Bühne?
Zum Beispiel Kim Francois, Geschäftsführerin Materialise China – sie hat das China- Geschäft von Materialise, dem größten europäischen Druckdienstleister, aufgebaut. Sie ist eigentlich Sinologin, keine Ingenieurin – auch eine interessante Karriere. Sie hat das Vor-Ort-Geschäft innerhalb von sechs Jahren sehr erfolgreich aufgebaut. Eine weitere Rednerin war Greta D’Angelo, eine Italienerin, die nach Schweden gegangen ist und das Unternehmen Amexci mit aufgebaut hat. Auch Valeria Tirelli stand auf der Bühne, sie ist die Geschäftsführerin von Aidro, einem norditalienischen Hydraulikunternehmen. Sie hat diese Firma 2012 von ihrem Vater übernommen und sie ganz konsequent auf Additive Fertigung ausgerichtet Sie macht dieses Change Management mit viel Herzblut, und sehr italienisch mit Händen und Füßen. Mit dem Summit wollten wir erreichen, dass man diese tollen Frauen endlich auch einmal sieht.

Was wäre anders gewesen, wenn Männer dabei gewesen wären?
Meine Erfahrung ist: Mit Frauen kommt man viel schneller in tiefere Gesprächsebenen hinein. Es geht ja nicht darum, sich über Kinder auszutauschen, aber die Beziehungsebene wird sehr viel schneller erreicht als mit Männern und auf dieser stabilen Basis kann man viel schneller geschäftliche Beziehungen aufbauen. Das hat sich auch vergangenes Jahr auf unserem Businesslunch gezeigt, der nur 1,5 Stunden lang gedauert hatte: Daraus sind sehr konkrete Geschäftsbeziehungen entstanden. Die Frauen haben hinterher gesagt: Super, so schnell ist mir das bislang nicht gelungen.

Stefanie Brickwede ist auch Managing Director des Netzwerks Mobility goes Additive. / Foto: Mobility goes Additive e.V.

Welche weiteren Effekte konnten Sie feststellen?
Ich weiß aus vielen Gesprächen, dass die Veranstaltung dafür gesorgt hat, dass der Status von Frauen auf einmal eine ganz  ndere Wertigkeit bekommen hat. Männerhaben plötzlich darüber nachgedacht,  welche Frau sie denn zu unserer Konferenz und auch zum AM Forum schicken können. Und dann sind plötzlich Frauen dort gewesen, die bislang nicht auf Konferenzen zu sehen waren.

Sie sind Ökonomin – wie sind Sie denn zur Additiven Fertigung gekommen?
Ich bin ja schon relativ lange bei der Bahn und als ich noch im Technikressort tätig war, wollte ich einmal auf die Cebit gehen, hatte aber wenig Zeit, mich darauf vorzubereiten. Ich habe dann meinen jungen Kollegen gebeten: Guck mal, was es an Neuerungen gibt, die ich mir unbedingt anschauen sollte und er schlug dann den 3D-Druck vor. Ich war gleich begeistert: Das wäre ja die perfekte Lösung für unsere Ersatzteilprobleme. Dann bin ich damals schon von der Cebit entflammt zur Bahn zurückgekehrt und traf aber erst einmal auf Reaktionen wie: Ja, das sollen erst einmal andere ausprobieren, das haben wir ja noch nie gemacht. Ein zweiter persönlicher Auslöser war: Ich hatte mir das Sprunggelenk verletzt und kam dann auf die Idee, dass der 3D-Druck doch ideal für Schuhe wäre, die nicht nur für Einlagen geeignet, sondern auch schick sind. Da war ich aber meiner Zeit voraus, es ist für viele Schuhe noch immer nicht möglich, aber es kommt so langsam.

Jetzt sind Sie bei der Deutschen Bahn Head of Additive Manufacturing – wie viele Teile werden zurzeit bei der Bahn gedruckt und was sind das für Teile?
Wir sind als Bahn mit dem Thema Ende 2015 gestartet und haben seitdem weit mehr als 6.000 Teile für alle möglichen Geschäftsfelder der Bahn gedruckt. Für uns war von Anfang an klar: Wir wollen Ersatzteile drucken. Wir als Bahn sind ein Instandhalter und kein Hersteller von Zügen, deshalb spielt das Prototyping für uns keine große Rolle. Die Teile, die wir drucken, verteilen sich auf mehr als 110 verschiedene Anwendungen – bezogen auf die Bahn ist das nicht dramatisch viel, aber im Vergleich mit anderen Unternehmen, die in den 3D-Druck einsteigen, ist die Anzahl sehr groß. Wir versuchen, die Bandbreite sehr groß zu halten: Wir drucken vom Mantelhaken bis zum Handlaufschild mit Blindenschrift.

Handläufe mit Blindenschrift kommen bei der Deutschen Bahn aus dem 3D-Drucker. / Foto: Mobility goes Additive e.V.

Welche Materialien verwenden Sie und welche Kriterien spielen dabei eine Rolle?
Zwei Drittel der Teile drucken wir aus Kunststoff, ein Drittel aus Metall. Wir gehen jetzt zunehmend auf sicherheitsrelevante Teile über. Unser großes Ziel für dieses Jahr ist: vier verschiedene Anwendungen für verfügbarkeitskritische Teile zu drucken. Wenn diese Teile fehlen, bleibt der Zug stehen. Das Tolle ist: Wir haben schon drei unterschiedliche Anwendungen gedruckt, die jetzt in der Erprobung sind. Bei Sicherheitsfragen gehen wir natürlich kein Risiko ein, die Bauteile werden auf Herz und Nieren geprüft und bei einem neuen Fertigungsverfahren machen wir das besonders intensiv. Deshalb dauert es auch eine Weile, bis diese Teile dann tatsächlich eingesetzt werden können.

Wie identifizieren Sie die Teile, die sich für den Druck eignen?
3D-Druck ist nach wie vor noch eine relativ teure Technologie. Für hohe Stückzahlen ist es im Moment also nicht sinnvoll, denn die lassen sich mit herkömmlichen Verfahren in der Regel viel günstiger herstellen. Aber für alte Fahrzeuge, alte Infrastruktur oder Unfallinstandsetzungen ist das Verfahren sehr wirtschaftlich.

Fehlt ein Ersatzteil und der Zug steht still, muss die Deutsche Bahn schnell handeln. / Foto: Deutsche Bahn AG/Oliver Lang

Interessant ist, dass sich die neue Technologie ausgerechnet für alte Fahrzeuge eignet.
Ja, beispielsweise haben wir eine alte Dampflock, die in den 1960er Jahren durch eine Dampfturbine ergänzt worden ist. Ein Turbinenschaufelrad spielt da eine wichtige Rolle, das ist ein Segment, das einzeln gesteckt wird – wahnsinnig aufwändig. Das Teil haben wir modularisiert und drucken es abschnittsweise schon mit den entsprechenden Schaufeln und sind damit in der Instandsetzung viel günstiger unterwegs. Da trifft dann Industrie 1.0 auf Industrie 4.0.

Sie hatten erwähnt, dass Sie mit  3D-Druck sehr viel schneller reagieren können, damit ein Zug nicht auf der Strecke bleibt. Können Sie anhand eines Beispiels erläutern, welche Zeitersparnis möglich ist?
Momentan warten wir zwischen neun Monateund zwei Jahre lang auf obsolete Ersatzteile.  Ich werde häufig gefragt: Wann fährt denn der erste Drucker auf dem Zug mit? Das spielt im Moment überhaupt gar keine Rolle. Wir sind gerade schon sehr glücklich, wenn wir die monatelange Wartezeit auf wenige Wochen verkürzen können. Ein gutes Beispiel dafür ist der Radsatzlagerdeckel — das ist ein großes Teil, das zwischen 15 bis 17 Kilogramm wiegt und das zum Schutz auf das Radsatzlager geschoben wird. Ohne dieses Teil darf der Zug nicht auf die Strecke. Die Aufgabe war, die geeignete 3D-Druck-Technologie und das richtige Material zu finden, das wirtschaftlich sinnvoll ist. Das haben wir jetzt erreicht und damit können wir demnächst auch große Metallteile fertigen.

Wo werden die Teile dann gedruckt?
Bei Druckdienstleistern. Die Bahn hat keine eigenen Druckmaschinen, nur ein paar Printer zu Marketing- und Ausbildungszwecken. Das Schöne ist, dass der industrielle 3D-Druck in erster Linie aus Deutschland kommt. Wir sind auch als Bahn sehr gut vernetzt, unter anderem über unser Netzwerk „Mobility goes Additive“.

Wer sind die Mitglieder dieses Netzwerkes?   
Das sind Maschinenhersteller, Druckdienstleister, Softwareunternehmen, Beratungen sowie einige Universitäten und Institute – zum Beispiel Fraunhofer Institute. Darüber hinaus gibt es viele Nutzer, unter den ersten waren natürlich jede Menge Bahnen und Bahnzulieferer. Mittlerweile ist aber auch die Automotive- und Zulieferindustrie vertreten. Aktuell stehen wir auch im Kontakt mit etlichen Maschinenherstellern, die mit Mobility nichts zu tun haben. Die sind auch wie wir getrieben von der Notwendigkeit, ihre hochinvestiven Anlagen möglichst langfristig mit Ersatzteilen versorgen zu können.


Newsletter
Ja, ich möchte den Newsletter von GIESSEREI PRAXIS abonnieren