20.06.2019 | Ausgabe 6/2019

Wer zahlt am Ende für den Klimaschutz?

Frederike Krebs aus dem European Office des VDMA. / Foto: VDMA/Benjamin Brolet

Frederike Krebs aus dem European Office des VDMA. / Foto: VDMA/Benjamin Brolet

Die Pariser Klimaschutzziele bis 2050 sind ambitioniert. Was bedeutet das für energieintensive Industrien wie die Thermoprozesstechnik?  Ein Interview mit Frederike Krebs vom European Office des Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA).

Die Forschungsgemeinschaft Industrieofenbau e.V. (FOGI) veranstaltet am 25. Juni  auf der Messe THERMPROCESS eine Podiumsdiskussion zu den Pariser Klimaschutzzielen für 2050 (15.30 bis 17.00 Uhr; Halle 9, Stand D 74). Die Veranstaltung bringt Vertreter aus Industrie, Forschung und Verbänden mit Repräsentanten aus Hochschulen und Forschungsinstituten an einen Tisch. Frederike Krebs aus dem European Office des Verband Deutscher Maschinenund Anlagenbau (VDMA) führt unter dem Titel „Die Pariser Klimaziele 2050 und ihre Bedeutung für den Maschinen- und Anlagenbau“ in das Thema und die Podiumsdiskussion  ein. GIESSEREI PRAXIS sprach vorab mit ihr.

Kurz zusammengefasst: Welche Ziele sieht das Pariser Klimaschutzabkommen  bis 2050 vor?
Frederike Krebs: In dem globalen Konstrukt aus unterschiedlichen nationalen Ansätzen  und Interessenslagen sind der gemeinsame Nenner in der Klimapolitik die Pariser Ziele. Mit dem Pariser Klimaschutzabkommen hat sich die internationale Staatengemeinschaft (197 Staaten) das Ziel gesetzt, bis zur zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts den Anstieg der durchschnittlichen Erdtemperatur deutlich unter 2° Celsius über dem vorindustriellen Niveau zu halten und Anstrengungen zu unternehmen, den Temperaturanstieg auf 1,5° Celsius über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen.

Besonders für energieintensive Industrien wie die Thermoprozesstechnik ist das sportlich. Welche Herausforderungen stellen sich in diesem Bereich für Betreiber und Hersteller von Anlagen?
Die Erreichung der ambitionierten Klimaziele ist zwar sportlich aber technologisch  machbar. Das zeigt die BDI-Studie „Klimapfade für Deutschland“. Die Anlagenhersteller müssen die Technologien bereitstellen, mit denen die Emissionsminderungen erzielt werden können. Neben Energieeffizienzmaßnahmen geht es hier z. B. auch darum, dass die Anlagen zukünftig technologisch mit beispielsweise erneuerbarem Gas (Power-to-X) betrieben werden können. Der Maschinen- und Anlagenbau ist dabei Enabler und Technologielieferant. Zugleich müssen die Betreiber der Anlagen den aktuellen Stand der Technik dann aber auch umsetzen. Die Optimierung der Prozesskette und ihrer Einzelmodule bis hin zur Abwärmenutzung birgt noch ungenutzte Potenziale der Effizienzsteigerung und Ressourcenschonung. Moderne Anlagen benötigen bis zu einem Drittel weniger  nergie als Anlagen älterer Bauart. In dem Leitfaden „Energieeffizienz von Thermoprozessanlagen“ zeigt der VDMA, wie durch intelligente technische Lösungen die Produktion ressourcenschonender und effizienter gestaltet werden kann.

Ist es überhaupt realistisch, dass diese Ziele erreicht werden?
Klimawandel stoppt nicht an Ländergrenzen. Die ambitionierten langfristigen Ziele, können nur international gemeinsam gelöst werden. Wenn die Vertragsstaaten sich an ihr Commitment zum Pariser Abkommen halten, dann können diese ambitionierten Ziele auch gelingen.

Welche Instrumente stehen zur Verfügung und was ist in Planung?
In der Klimapolitik gibt es keine „one-fitsall“  Lösung. Die unterschiedlichen Ausgangslagen der Staaten (Industrie- und Entwicklungsländer) müssen dabei Berücksichtigung finden und mit unterschiedlichen Instrumenten adressiert werden.

Auf deutscher und europäischer Ebene greifen bereits heute zahlreiche Maßnahmen- und Instrumentenpakete zum  Schutz des Klimas und der Emissionsreduktion.

Dabei kommt dem europäischen Emissionshandel (EU ETS) als EU weit regulierendes Mengeninstrument eine besondere Leitungswirkung europäischer  Klimapolitik zu. Trotz bisheriger Anstrengungen zeigen aktuelle Berichte und Analysen, dass sich eine Lücke zwischen derzeitigen Maßnahmen und der Erfüllung der Ziele bis 2050 auftut. Auf deutscher Ebene liegt bereits heute eine Lücke von 8 Prozent zu dem gesetzten Treibhausgas-Ziel bis 2020 vor, was gegen ein „weiter wie bisher“ spricht. Die aktuelle politische Diskussion dreht sich derzeit stark um die Frage, ob es eine nationale CO2-Bepreisung braucht und wie diese ausgestaltet sein soll, um einen Anreiz zur CO2-Einsparung zu setzen.

Welche Konsequenzen gibt es für wen, wenn das Ziel verfehlt wird?
Sollten die Klimaziele nicht erreicht werden, bringt das Konsequenzen auf unterschiedlichen Ebenen. Aus wirtschaftlicher bzw. unternehmerischer Sicht können z. B. Hitzewellen zu einer gesteigerten Nachfrage nach Klimatisierung führen, was insbesondere in der Produktion erheblichen Mehrkosten verursachen kann. Auch überschwemmungsgefährdete Gebiete wo Produktionsstandorte  angesiedelt sind, könnten die Auswirkungen des Klimawandels deutlich zu spüren bekommen, wenn kein ausreichender Hochwasserschutz vorliegt. Dies wird zu Versicherungsschäden führen und der Frage: Wer zahlt am Ende für den Klimaschutz?

Wie sollte sich die Branche der Thermoprozesstechnik heute darauf einstellen?
Was tut sie schon? Hat die Branche  die Dringlichkeit des Themas erkannt? Technologische Lösungen sind der Schlüssel. Der Maschinen- und Anlagenbau hat die Dringlichkeit des Themas erkannt und leistet schon heute einen Beitrag dazu. Die Branche investiert in die Entwicklung neuer klimaschonender Innovationen. Diese müssen  dann aber auch langfristig zum Einsatz kommen, damit eine Emissionsreduktion gewährleistet wird.

Neben dem unmittelbaren Beitrag des Anlagenbaus zur Effizienzsteigerung in den metallurgischen Prozessrouten kann dieser auch über die Nutzung von Nebenprodukten zur Energie- und Ressourceneinsparung  sowie zur Emissionsverminderung beitragen. So kann z. B. mithilfe der Technologie der Schlackengranulierung Hochofenschlacke als Klinkerersatz in der Zementindustrie eingesetzt werden. Hierdurch werden erhebliche Mengen an CO2, die durch das Brennen von Klinker entstehen, eingespart. Ein weiteres Potenzial besteht in der Wärmerückgewinnung aus Schlacken. Diese Beispiele sind nur zwei von vielen und stehen exemplarisch für die vielfältigen Möglichkeiten moderner umwelt- und ressourcenorientierter Technologien.

Auf der THERMPROCESS werden Sie  in eine Podiumsdiskussion zu den PariserKlimazielen 2050 einführen – was glauben  Sie, welche Punkte werden da wohl am heißesten diskutiert?
Die Diskussion um die Höhe der Klimaziele ist die eine Ebene, die viel wichtigere und häufig kontrovers diskutierte, ist die Fragen mit welchen Instrumenten und Maßnahmen diese erreicht werden können und vor allem wer dabei welchen Beitrag leisten muss. Dabei versucht jeder die eigene Belastung natürlich möglichst gering zu halten.

Was erwartet Besucher dieser Veranstaltung?
Bei der Podiumsdiskussion der Forschungsgemeinschaft  Industrieofenbau (FOGI) soll in erster Linie erarbeitet werden, welche technischen Lösungen es aktuell gibt und zukünftig geben wird. Darüber hinaus werden natürlich die politischen Rahmenbedingungen diskutiert.

Wie engagiert sich der VDMA bei diesem Thema?
Wie unterstützen Sie die  Branche in Brüssel? Aufgrund der komplexen Fakten und Gesetzeslage ist es von enormer Bedeutung für den VDMA, in den laufenden und kommenden Debatten eine klar hörbare Stimme der Industrie zu sein. Der VDMA bringt sich deswegen aktiv und konstruktiv in die klimapolitische Diskussion  ein. Das Wissen und die Kompetenz des VDMA bündeln wir in Gremien und Ausrichtungen, so haben wir beispielsweise ein Forum für Energie und Klima, führen Umfragen zu diesem Thema über unser Energiewendebarometer durch und holen uns so das Stimmungsbild unserer Mitglieder ein und engagieren uns bzw. unterstützen unsere Mitglieder beim Aufbau von Energieeffizienznetzwerken.


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