22.07.2019 | Ausgabe 7-8/2019

GIFA 2019: Der Neue will mitspielen

Mehr als die Hälfte der Besucher und Aussteller auf der „Bright World of Metals“ kamen aus dem Ausland – vor allem aus Asien. / Foto: Messe Düsseldorf/ctillmann

Die Messe wird immer internationaler und zwischen die klassischen Aussteller mischt sich immer deutlicher ein neuer Player: Der 3D-Druck. Einige Branchengrößen reichen ihm die Hand.

Temperaturen, bei denen Metall schmelzen könnte, bescherte der Wettergott den Besuchern des Messequartetts GIFA, METEC, THERMPROCESS und NEWCAST in Düsseldorf. 

Während die Sonne draußen den Asphalt aufweichte, konnten Aussteller und Besucher in angenehm klimatisierten Messehallen hitzige Debatten führen. Zum Beispiel darüber, wie Emissionen reduziert werden können, ob Gießereien die Digitalisierung brauchen oder ob der 3D-Druck eine Bedrohung ist. Einige kamen sicher auch beim Abschluss von Geschäften ins Schwitzen, während draußen die Thermometer auf Rekordwerte von 38° Celsius kletterten. Der Andrang war groß: Es kamen rund 72.500 Besucher aus 118 Ländern. 70 Prozent der Aussteller kamen aus dem Ausland, das sind fünf Prozent mehr als bei der Vorveranstaltung vor vier Jahren. Der Anteil der internationalen Besucher hatte sich um vier Prozent auf 66 Prozent erhöht. „Mit rund 2.360 Ausstellern aus aller Welt decken GIFA, METEC, THERMPROCESS und NEWCAST nahezu den kompletten internationalen Markt ab. Die Global Player sind ebenso vertreten wie kleine, innovative Newcomer und Anbieter von Nischen-Technologien“, so Friedrich-Georg Kehrer, Global Portfolio Director Metals and Flow Technologies Messe Düsseldorf GmbH.

Vor allem in Übersee ist die Nachfrage nach europäischer Metallurgie- und Gießereitechnik offenbar groß – insbesondere bei Besuchern aus Asien. Das spiegelt das internationale Länderranking wider, das die Messe Düsseldorf erhoben hat: Hier liegen Indien und China vorne – gefolgt von Italien, der Türkei, Japan, Frankreich und Russland. Insgesamt zeigen sich Besucher wie Aussteller zufrieden mit ihrer Messebilanz. Das bestätigt auch Heinz Nelissen, Präsident der GIFA und NEWCAST und Geschäftsführer der Vesuvius GmbH FOSECO Foundry Division: „Unmittelbar nach dem Messestart war die latente Unsicherheit durch die Konjunkturdelle schnell verflogen, der Ansturm der Fachbesucher enorm. Die große Anzahl hochkarätiger Fachbesucher aus einem sehr internationalen Umfeld interessierte sich für die Innovationen der Aussteller“, so Nelissen. „Vor allem Digitalisierung, Automatisierung, Additive Manufacturing und Ressourceneffizienz standen im Fokus der Gespräche. Wenn eines deutlich geworden ist, dann dies: Die GIFA hat de  Status der Weltleitmesse klar bestätigt.“ Dr.-Ing. Joachim G. Wünning, Präsident der THERMPROCESS und Geschäftsführer WS Wärmeprozesstechnik GmbH, bestätigt das auch aus Ausstellersicht: „Die Stimmung ist hervorragend. Die „Bright World of Metals“ setzt starke Impulse für Investitionsentscheidungen – genau das, was unsere Industrie braucht.“ Ein positives Fazit zieht auch Burkhard Dahmen, Präsident der METEC und Vorsitzender der Geschäftsführung der SMS group: „Die diesjährige METEC setzt ein klares Statement und Signal für die Zukunft der Metallurgie und Stahlerzeugung. Die Aussteller präsentierten Lösungskonzepte, die in erster Linie die zukünftigen Highlight-Themen der Branche wiedergeben: ecoMetals, Additive Manufacturing, Nachhaltigkeit und Digitalisierung. Jetzt heißt es, diesen Spirit mitzunehmen und für eine erfolgreiche Zukunft umzusetzen. Ich freue mich auf die Ergebnisse, die wir auf der METEC 2023 sehen werden.“   

72.500 Besucher aus 118 Ländern strömten
in die Messehallen. / Foto: Messe Düsseldorf/ctillmann

Immer mehr Drucker in den Messehallen
Ein Dauerbrennerthema in den Messehallen war der 3D-Druck: Zwischen Gießereianlagen, Formstoffe oder Gussteile mischten sich immer mehr Drucker. Auch hier wurde wieder deutlich, dass die Branche der Additiven Fertigung unter Hochdruck daran arbeitet, dass ihre Verfahren immer schneller und günstiger und damit reif für die Serienfertigung werden. Die Gießerei-Industrie ist gut darin beraten, diese Entwicklung im Auge zu behalten − eine Gelegenheit dazu bot sich beispielsweise auf der Fachkonferenz „Metall 3D-Druck“, die im Rahmen der GIFA stattfand. Der Tenor bei der Veranstaltung war: Gießereien sollten sich von der jungen Branche nicht bedroht fühlen, sondern die neuen Möglichkeiten nutzen, um schneller und produktiver zu werden.

3D-Druck: Kein Ersatz für den Guss
„Wir wollen den Guss nicht ersetzen, wir wollen ihn sinnvoll ergänzen“, sagt Ralf Frohwerk, Global Head of Business Development beim 3D-Drucker-Hersteller SLM Solutions. Das Geld werde mit großen Serien verdient, für die sich der 3D-Druck noch nicht eigne, aber für Prototypen und Kleinserien seien die additiven Fertigungsverfahren eine interessante und effiziente Option, erklärt Frohwerk. SLM Solutions hat beispielsweise für Bugatti einen Bremssattel als optimiertes 3D-Titanbauteil gedruckt. Sie haben Aluminium durch Titan ersetzt und mit einem optimierten Design 40 Prozent des Gewichts einsparen können. Den Stresstest hat der Bremssattel bestanden – das kann man sich in einem aufwendig produzierten Video bei Youtube ansehen. Besonders der Druckguss sei prädestiniert für den Einsatz von 3D-Druck, sagt Frohwerk. Er ermutigt die Branche, die Designfreiheit der Technologie zu nutzen. Der Prozess sei im Grunde der gleiche wie im Druckguss: Es könnten die gleichen Legierungen verwendet werden, die geschmolzen und mittels Laser miteinander verschweißt und dann nachbearbeitet würden. Die Dichte von 3D-Druck-Bauteilen sei allerdings deutlich höher und das gedruckte Material weise keine Porosität wie beim Aluminium-Druckguss auf.

Salesmanager Matthias Steinbusch von voxeljet stellte auf der 3D-Druck-Konferenz fünf Bereiche vor, in denen Gießereien additive Fertigung einsetzen können: Für Demonstratoren, die z. B. aus Kunststoff gedruckt werden können, für Modelle für den Feinguss (z. B. Ausschmelzmodelle aus Wachs oder Kunststoff), auch Werkzeuge und Einrichtungen lassen sich gut additiv fertigen, so Steinbusch. Geeignete Einsatzfelder seien außerdem gedruckte Sandformen für den Sandguss und die direkte Herstellung von Metallbauteilen als Ergänzung zum klassischen Metallguss. Er empfahl, die Prozesskette von der Idee zum fertigen Produkt mit 3D-Druck zu verkürzen. Es könne ein Kunststoffmodell erstellt werden, das der Feingießer abgießen kann. So könne der Prozess von drei bis sechs Monaten auf vier bis sechs Wochen verkürzt werden.

Trend nutzen und Kompetenzen erweitern
Wie additive Fertigung im Werkzeug- und Formenbau eingesetzt werden kann, erklärte Christoph Dörr, Innovations- und Vertriebspartner bei der Trumpf Laserund Systemtechnik GmbH. Dabei spiele die konturnahe Kühlung im Druckguss eine entscheidende Rolle. Der pulverbasierte 3D-Druck erlaube durch den schichtweisen Aufbau komplexe Teilekonstruktionen und konturnahe Kühlgeometrien. So könne fast jeder Bereich der Formkontur optimal temperiert werden und für dünnwandige Bauteile ergäben sich ganz neue Möglichkeiten. Die Fachkonferenz zeigte, dass die Gießerei- Industrie aus einem Bündel an Möglichkeiten schöpfen kann, um ihre Kompetenzen zu erweitern und dem Trend der additiven Fertigung gelassen entgegen zu blicken. Viele haben das Potenzial der neuen Technologien schon erkannt: Auf der Messe gab eine Vielzahl an Herstellern Kooperationen für die Additive Fertigung bekannt. ASK Chemicals, voxeljet und Loramendi haben zusammen einen additiven Fertigungsprozess von Kernen mit anorganischen Bindern entwickelt. Auch der 3D-Drucker-Hersteller ExOne und Siemens bündeln ihre Kompetenzen für den 3D-Druck.

Wohin geht die Gießereibranche? Experten im Gespräch. / Foto: Messe Düsseldorf/ctillmann

Kooperationen für die additive Fertigung
ASK Chemicals zeigte an seinem Stand eine Live-Demonstration von additiv gefertigten Kernen. „Wir präsentieren erstmals ein reales Kernprinten mit anorganischen Bindersystemen. Damit sind wir weltweit führend in dieser Technologie. Dazu braucht es drei Firmen mit der entsprechenden Power“, erklärt Jörg Brotzki, Executive Vice President Europe von ASK Chemicals. ASK Chemicals hat den anorganischen Binder Inotec 3D entwickelt und voxeljet den dazu passenden Drucker voxeljet VX1000-S, Loramendi trug dazu das Fachwissen der Kernfertigung bei.  

Am ASK-Chemicals-Stand waren Filter zu sehen, die mittels additiver Fertigung erstellt wurden. Der Vorteil ist, dass es mit diesem Verfahren möglich ist, eine exakte Porenstruktur herzustellen, bei herkömmlichen Verfahren ist diese nur zufällig. Es eigne sich besonders für den Stahlguss. Der Drucker arbeitet so schnell, dass er nahe an die Produktivität einer Serienfertigung herankommt, verspricht Ingo Ederer Chief Executive Officer von voxeljet. Außerdem könne das Gerät jede beliebige Geometrie drucken. Der Drucker arbeitet mit dem Verfahren des Powder Binder Jetting. Dabei werden keine Sandkerne und -formen hergestellt, sondern die Sandkerne digital aufgrund von CAD-Modellen entworfen.

Auch der 3D-Druckerhersteller ExOne  und Siemens gaben auf der GIFA bekannt, dass sie miteinander kooperieren, um Gießereien für die Industrie 4.0 fit zu machen. Siemens stelle ExOne sein Portfolio zur Industrie 4.0 zur Verfügung, es umfasst Software, Automatisierungstechnologie, MindSphere und Siemens IoT-System, das Open Cloud basiert ist. Diese Funktionen werden in den neuen 3D-Drucker S-Max Pro integriert. „Wir sind stolz, dass wir unsere Partnerschaft mit ExOne stärken können und die Industrialisierung der additiven Fertigung vorantreiben können. Siemens bringt die neuen digitalen Technologien und ihr industrielles Know-How ein, um ExOne weiterzubringen. Der neue ExOne S-Max Pro 3D Drucker zeigt, dass integrierte Software und Automatisierungslösungen kurzfristig zu größerer Effektivität und Verfügbarkeit führen“, kommentiert Karten Heuser, Vice President of Additive Manufacturing bei Siemens Digital Industries.

Stürmer oder Rechtsaußen-Verteidiger
Auch Laempe Mössner Sinto springt auf den 3D-Zug auf: Das Highlight auf dem Laempe-Stand war die Präsentation des eigenen 3-D-Druckers LCP (Laempe Core Printer) – eine Eigenentwicklung für anorganische Bindersysteme mit einer wesentlich höheren Druckgeschwindigkeit als bisher am Markt verfügbar. Der erste industrielle Einsatz ist für Ende 2019 geplant. „Das Feedback auf unsere 3-D-Drucklösung war durchweg positiv und der Drucker stieß auf großes Interesse. Wir fühlen uns nach der GIFA noch mehr darin bestärkt, dass unser Weg in diesem Zukunftsfeld für Laempe Mössner Sinto der richtige ist und wir hier nun die treibende Kraft eines disruptiven Prozesses sein werden“, so das abschließende Fazit von Andreas Mössner, Geschäftsführer der Laempe Mössner Sinto GmbH. Die nächste Bright World of Metals mit den Leitmessen GIFA, METEC, THERMPROCESS & NEWCAST findet im Juni 2023 statt; das konkrete Datum wird in den nächsten Monaten festgelegt. Wahrscheinlich zeigt sich dann wieder ein ganz neues Bild der Branche. Aber sicher spielt die Additive Fertigung auch in vier Jahren wieder mit – spannend ist, ob sie dies als Stürmer oder Rechtsaußen-Verteidiger tut.


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