Alle Jahre wieder

Spritzguss an den Feiertagen

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Weihnachtszeit ist Tannenbaumzeit.

Der Tannenbaumständer wird nach langem Suchen in einer verstaubten Ecke geortet, und wenn er nicht inzwischen Rost angesetzt hat, so ist bestimmt die grüne Farbe abgeplatzt. Die Erwachsenen versuchen mit vereinten Kräften, den mannshohen Baum in den Ständer zu pressen. Der Baum wehrt sich, die Säge erweist sich als stumpf, Nadeln rieseln, Harztropfen kleben auf der Stirn. Am Schluss stehen alle Beteiligten zusammen recht windschief in der Stube – Baum und Erwachsene. Jetzt muss Tannenbaumschmuck ran. 

Und wer nicht rechtzeitig auf dem Weihnachtsbaummarkt zugegriffen hat, der verbringt Heilig Abend sowieso unter einem Gebilde mit kahlen Stellen und mit Nadeln, die viel zu früh zu rieseln anfangen. 

Würde ein Plastikbaum nicht das weihnachtliche Leben leichter machen? So ein perfekt genadeltes Bäumchen aus Spritzguss? Die Polyethylen-Bäumchen sehen oft aus wie gemalt und werden von vielen Menschen für echt gehalten, so sehr ähneln sie ihren Kollegen aus dem Wald. Dazu wirken sie nicht nur auf den ersten Blick täuschend echt, sondern fühlen sich auch so an. Manche Modelle werden sogar mit integrierter Beleuchtung verkauft. 

Das Spritzgussverfahren ist ein etabliertes Verfahren zur Herstellung von beliebig geformten Kunststoffprodukten. Vormaterial ist ein Kunststoff-Granulat. Zuerst wird dieses in einer Förderschnecke erhitzt und verflüssig, anschließend in eine Form eingespritzt. Nach dem Erstarren des fertigen Produkts wird die Form wieder getrennt und das Produkt ausgeworfen. 

Um einen Spritzguss-Christbaum herzustellen, werden Abdrücke von echten Tannenzweigen gefertigt, um daraus eine Spritzgussform aus Metall herzustellen. Für die Nachbildung des echten Tannenzweigs wird hochwertiges PE-Kunststoffgranulat erhitzt und unter großem Druck in diese Formen gespritzt. Sogar mehrfach vergabelte und benadelte Äste mit mehreren Trieben werden hergestellt. Und im Gegensatz zu asiatischen Plastikbäumen weist so mancher deutsche Hersteller sogar Prüfberichte für die schwere Entflammbarkeit nach DIN 4102-1 oder eine TÜV-Prüfung für gesundheitliche Unbedenklichkeit nach. 

Eine perfekt aussehende, TÜV- und SGS-geprüfte Spritzgusstanne in der Luxusvariante, das wäre doch was. Und es muss nur Polyethylen dran glauben, kein echtes Holz. Ist das nicht umweltfreundlicher?

Das Argument, mit dem Kauf eines künstlichen Weihnachtsbaums werde das Fällen einer echten Tanne verhindert, steht allerdings in einem sehr wackeligen Weihnachtsbaumständer, denn Weihnachtsbäume werden eigens angepflanzt. Sinkt die Nachfrage, sinkt auch die Beforstung mit Tannenbäumen.

Tatsächlich sind Spritzguss-Tannen nur dann eine vertretbare Alternative zu echten Tannen, wenn sie über viele Jahre hinweg genutzt werden. In Studien werden unterschiedliche Zeiträume genannt, bis die CO2-Rechnung aufgeht. Der von der britischen Regierung gegründete Carbon Trust kommt auf zehn Jahre, kanadische Wissenschaftler hingegen auf fünfzehn bis zwanzig Jahre.

Doch auch der echte Weihnachtsbaum ist nicht ohne. Ist das Fest vorbei, endet er entweder auf einer Mülldeponie, wo er beim Verrotten rund 16 Kilogramm CO2-Äquivalente (CO2e) freisetzt, oder er wird verbrannt. Dann entstehen immerhin noch rund 3,5 Kilogramm CO2e. Bei einer Stichprobe des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland e. V. (BUND) wurde zudem festgestellt, dass knapp zwei Drittel der Bäume, die nicht aus ökologischer Landwirtschaft stammen, stark gespritzt sind.

Ausschlaggebend ist für viele traditionsbewusste Menschen letzlich jedoch eine ganz besondere Eigenschaft: Spritzgusstannen duften nicht. Echte Weihnachtsbäume duften hingegen unwiderstehlich lebendig nach Wald. Und das heißt viel bei einem Fest, bei dem Düfte regelrecht zelebriert werden.

Und so wird es wahrscheinlich auch dieses Jahr wieder in vielen Stuben heißen: Wo ist der Tannenbaumständer? Und warum haben wir immer noch diese stumpfe, zahnlose Holzsäge?