Kanaldeckel

Zwischen philosophischen Betrachtungen, barfüßigen Arbeitern und deutschen Industrienormen

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Schachtdeckel (oder auch Kanaldeckel oder Gullydeckel) decken Schächte von unterirdischen Versorgungsleitungen und Abwasserkanälen ab. Sie sind vorwiegend aus Gusseisen.

Von perfekten Abwassersystemen zu katastrophalen Zuständen
Bereits in der Bronzezeit, also schon vor über 4000 Jahren, kannte man eine geregelte Abwasserentsorgung. Bei Ausgrabungen in Mohenjo-Daro bei Larkana in Pakistan wurde ein hochentwickeltes, perfektes System entdeckt, das das heutige System weit übertrifft. Babylon hatte ebenfalls eine Kanalisation, ebenso die alten Römer. Die Abwasseranlage des alten Rom, die Cloaca Maxima, hatte solch eine Bedeutung für die Einwohner, dass sie sie der Schutzgöttin Venus Cloacina widmeten.

Im mittelalterlichen Europa geriet die römische Kunst des Kanalisationsbaus dann in Vergessenheit. Im 13. Jahrhundert galt nur die Vorschrift, es "einen Steinwurf weit entfernt" zu tun, oder man ging hinter das Haus. Die Folgen waren katastrophal. Müll türmte sich auf den Wegen, Unrat wurde aus dem Fenster direkt auf die Straße gekippt, Typhus- und Choleraepidemien grassierten. Dass die Lebenserwartung lediglich 40 Jahre betrug, ist auch der schlechten Siedlungshygiene zuzuschreiben. Es sollte bis Mitte des 19. Jahrhunderts dauern, bis sich die sanitären Einrichtungen veränderten und man in Europa begann, moderne Kanalsysteme zu errichten.

Die Kultur der modernen Kanalisation
Das Kanalsystem des öffentlichen Abwassernetzes in Deutschland ist rund 600.000 Kilometer lang. Abgedeckt werden die Schächte des Abwassernetzes mit Kanaldeckeln. Diese sind meist rund und bestehen aus Gusseisen. Gusseisen ist sehr korrosionsbeständig gegen Abwasser, Taumittel und sonstige Umwelteinflüsse. Wenn Metall gespart werden soll, können die Kanaldeckel auch einen Kern aus Beton haben ("Betonguss").

Manche Kanaldeckel sind aufwendig mit Wappentieren oder Stadtheiligen gestaltet, andere ziert eine Windrose, das Niedersachsenross oder die Raute des Sportvereins Werder Bremen. An repräsentativen Stellen entstehen regelrechte Kanaldeckelkunstwerke.

Einige Enthusiasten gründeten daher einen Verein und beschlossen, die Wissenschaft vom Schachtdeckel auszuüben, die Dolologie. Das erfundene Wort beruht auf dem althochdeutschen dola (für Rinne bzw. Röhre). 

"Der ‚Verein Dolologie‘ bemüht sich, durch vergleichende Betrachtung den verstreuten Eisenobjekten kulturhistorischen Wert, Erkenntniswert und ästhetischen Reiz abzugewinnen und einem Publikum zu vermitteln." heißt es auf der Vereinswebseite. Es bezeichne die durchaus ernsten Bemühungen der Vereinsmitglieder, sich industrie-archäologisch, kultur-historisch und auch philosophisch um den Erhalt und die Pflege von Schachtabdeckungen zu kümmern. 

Industriestandards
Statt philosophischer Betrachtungen formulieren die Industrienormen klare Standards für Kanaldeckel. Diese müssen auf den Straßen die immer schwereren Lastwagen aushalten und dürfen zudem keine Stolperfallen bilden. Geräuscharm, rutschfest und luftdurchlässig sollen sie sein. Vor allem in stark belasteten Fahrbahnen müssen Schachtabdeckungen möglichst solide eingebaut sein und dauerhaft mit dem Fahrbahnbelag oberflächenbündig abschließend. Die Schachtabdeckung Multitop des österreichischen Entwässerungsspezialisten ACO entspricht beispielsweise der ÖNORM EN 124, die Klasse der Rutschhemmung ist mindestens R11 nach DIN 51130 und es gibt eine integrierte Aufnahme für die Einstiegshilfe nach DIN 19572.

Herausforderung Starkregen
Ein Herausforderung für die Kanalsysteme sind die zunehmenden Starkregenereignisse. In Überflutungsgebieten werden Abdeckungen für Versorgungsschächte benötigt, die rückstausicher sind, um den Austritt von Wasser in die Bereiche über den Schächten zu vermeiden. Die Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall e.V. und das Institut für unterirdische Infrastruktur (IKT) sind sich einig – eine Erweiterung der Kanalsysteme wird nicht gegen Starkregen helfen, denn dazu müsste das Kanalnetz rund 30 mal größer sein als üblich. Besser seien eine Reihe von kleinen, dezentralen Maßnahmen: Versickern, Verdunsten, Entsiegeln, Begrünen. Beispiele sind eine Dach- und Fassadenbegrünung sowie "multifunktionale Flächen", die tiefer gelegt werden und so als Überflutungsbecken genutzt werden können.

Jedoch kann es auch dazu kommen, dass bereits Überflutungen an der Oberfläche stattfinden, obwohl die Kanalisation noch nicht voll ist. Den Grund erläutert Prof. Schlenkhoff von der Bergischen Universität Wuppertal: Standard-Gullydeckel seien dafür ausgelegt, kleinere Abflüsse vollständig aufzunehmen, aber bei 12–15 Litern pro Sekunde könnten sie nur noch 70–80 % leisten, vor allem bei steileren Strecken. In einem Gemeinschaftsprojekt mit der MeierGuss GmbH wurde in einer eigens konstruierten Testvorrichtung zur Simulation verschiedener Gefälle und Wassermengen daher der Straßenaufsatz Meidrain® entwickelt. Das Ergebnis ist leistungsfähiger als der Standard-Aufsatz und andere verfügbare Gullydeckel.

Das Familienunternehmen MeierGuss aus dem nordrhein-westfälischen Rahden ist seit mehr als 60 Jahren Spezialist für Abdeckungen für Kanalisations- und Infrastruktursysteme. Dem Einstieg im Jahr 1956 als Großhandelsbetrieb mit eigener Betonfertigung für Kanalisationsartikel folgte bald die Gründung einer eigenen Gießerei – und dann im Jahr 1975, mit der Inbetriebnahme einer vollautomatischen Formlinie, der Markteinstieg in den Straßenkanalguss.

Kanaldeckel aus Indien
In New York City zieren etwa 300.000 Gullydeckel die Straßen. Sie tragen die Aufschrift "Made in India". Der Dokumentarfilm "Cast in India" von Natasha Rahejas nimmt den Zuschauer mit hinter die Kulissen, nach Howrah in Indien, und zeigt den Herstellungsprozess und die Arbeiter. Im Film sind diese ohne die in Deutschland üblichen Arbeitsschutzvorkehrungen zu sehen. Sie tragen lediglich Wickelrock und T-Shirt – und sind barfuß.