Materialknappheit in der Industrie könnte länger dauern

Optimismus ist nicht gerechtfertigt

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Fast 75 % der Industrieunternehmen klagen über Schwierigkeiten bei der Versorgung mit benötigten Vorleistungsgütern bzw. Vorprodukten. Betroffen von der Materialknappheit sind fast alle Industriebranchen, besonders stark aber der Kernbereich der deutschen Industrie (Elektroindustrie, Maschinen- und Fahrzeugbau). In der Regel gehen die Unternehmen davon aus, dass die Lieferkettenprobleme lediglich temporär sind und im Jahr 2023 abflauen.

Langfristige Faktoren der Materialknappheit
Prof. Joachim Ragnitz, stellvertretender Geschäftsführer der Dresdener Niederlassung des ifo Instituts, bezweifelt jedoch, ob dieser Optimismus gerechtfertigt ist. Laut seinen Erkenntnissen sind die Ursachen der gegenwärtigen Lieferprobleme nur zum Teil temporär. 

Er warnt, dass die Materialknappheit in der Industrie länger dauern könnte. Diese sei nur zum Teil durch Coronapandemie oder Ukraine-Krieg bedingt. Hinzu kämen strukturelle Veränderungen langfristiger Natur wie Bevölkerungsrückgang, Abhängigkeit von China und Kostensteigerungen aus der Energiewende.

Die Arbeitskräfteknappheit betrifft nicht nur Deutschland, sondern auch einige wichtige Lieferländer Deutschlands. "In Folge könnte die Versorgung mit Vorleistungen aus heimischer Produktion von Verknappungstendenzen geprägt sein – weniger bei Rohstoffen, aber bei verarbeiteten und hier insbesondere bei höherwertigen Gütern." Bevor Länder mit geringeren demografischen Problemen einspringen können, müssten dort entsprechende Kapazitäten erst einmal aufgebaut werden.

"Bei einzelnen Produkten spiegeln die aktuellen Lieferschwierigkeiten aber auch Veränderungen des globalen Angebots bzw. der Nachfrage wider, und hier ist nicht zu erwarten, dass rasch (oder überhaupt) eine Rückkehr zu den Verhältnissen vor 2020 möglich ist." Beispiele sind der zunehmende Bedarf an Halbleitern oder an Industrie-Rohstoffen.

Außerdem bestehe die Gefahr, dass China bei bestimmten Rohstoffen eine Verknappung oder Preissteigerungen auslöse. Die Abhängigkeit Europas von chinesischen Rohstoffen für Digitalisierung und Energiewende ist schon heute vergleichsweise hoch und es sei zu erwarten, dass diese in Zukunft zunimmt.

Vorangetrieben durch eine Verteuerung des CO2-Ausstoßes ist zudem erwarten, dass Vorleistungen zu teuer werden oder gar nicht mehr zur Verfügung stehen. Die geplante Energiewende mag perspektivisch dazu führen, dass bestimmte Produktionen in Deutschland und Europa nicht länger wettbewerbsfähig betrieben werden können und aus dem Markt ausscheiden.

Unternehmen müssen ihre Beschaffung diversifizieren
"Die Politik hat keine Möglichkeiten, diese Probleme der Unternehmen zu lösen. Weder kann der Staat knappe Waren bereitstellen, noch kann er in der Breite finanzielle Hilfen zur Abfederung der Preissteigerungen bei Vorprodukten zur Verfügung stellen." so Ragnitz.

Um negative Folgen für den Industriestandort Deutschland zu vermeiden, müssten die Unternehmen neue Bezugsquellen finden bzw. diese diversifizieren, gepaart mit einer erhöhten Lagerhaltung, oder versuchen, Ersatz für besonders knappe Vorleistungsgüter zu besorgen. Die aktuell stark gestiegenen Preise für Vorleistungsgüter liefern den Anreiz hierfür.

Soweit die Substitution der Vorleistungsgüter und die Diversifikation der Bezugsquellen gelinge, werden sowohl die Lieferengpässe an Bedeutung verlieren als auch die aktuell hohen Preise für Vorleistungsgüter wieder (etwas) zurückgehen, heißt es im Fazit. "Dass dies alles dann aber auch dauerhaft mit höheren Kosten verbunden sein dürfte, die letzten Endes von den Verbrauchern zu tragen sein werden, ist dann der Preis für eine größere Versorgungssicherheit."

Mehr Informationen:

www.ifo.de/publikationen/2022/aufsatz-zeitschrift/lieferengpaesse-der-deutschen-industrie-eine-einordnung

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