Warnung vor Versorgungsengpässen bei Metallen

Forschungsuniversität KU Leuven legt erste konkrete Zahlen vor

Energiewende
Nachhaltigkeit
Publikationen und Studien
CO2-Emissionen
Eine unabhängige Studie der KU Leuven, die von der EU-Industrie in Auftrag gegeben wurde, bestätigt die Warnung der Internationalen Energieagentur (IEA) vor Versorgungsengpässen bei Metallen für die Energiewende.

Europas Energiewende benötigt im Vergleich zu den heute in Europa verwendeten Mengen das 35-fache an Lithium, das 7- bis 26-fache an immer knapper werdenden Seltenerdmetallen, das Dreieinhalbfache an Kobalt. Ohne neue Quellen zur Primärmetallversorgung und besseres Recycling drohen kritische Engpässe, die Europas Ziel eines autonomen sauberen Energiesystems gefährden.

Bis 2050 könnten in Europa allerdings 40–75 % des Bedarfs an diesen Metallen durch lokales Recycling gedeckt werden. Voraussetzung ist, dass Europa jetzt stark investiert und Engpässe behebt, so die Studie "Metals for Clean Energy" der KU Leuven, die von Eurometaux, dem europäischen Verband der Metallerzeuger, in Auftrag gegeben wurde.

Wenn die Menge an Metallen für saubere Energiesysteme jedoch nicht erhöht wird, stehe Europa in den nächsten 15 Jahren vor kritischen Engpässen. Es müsse eine langfristige Kreislaufwirtschaft entwickelt werden, um eine Wiederholung der derzeitigen Abhängigkeit Europas von fossilen Brennstoffen zu vermeiden. Am 8. März hatte die Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen die Unabhängigkeit Europas von russischem Öl, Kohle und Gas gefordert: "Wir können uns nicht auf einen Lieferanten verlassen, der uns ausdrücklich bedroht. Wir müssen jetzt handeln, um ... den Übergang zu sauberer Energie zu beschleunigen."

Die Internationale Energieagentur IEA warnte bereits im Jahr 2021 vor drohenden Versorgungsproblemen bei Metallen für die Energiewende. Die unabhängige Studie der KU Leuven ist nun die erste, die in diesem Zusammenhang EU-spezifische Zahlen vorlegt. Demnach würden für Europas Ausstieg aus fossilen Brennstoffen bis 2050 jährlich 

  • 4,5 Millionen Tonnen Aluminium (ein Anstieg von 33 % gegenüber dem heutigen Verbrauch)
  • 1,5 Millionen Tonnen Kupfer (35 %)
  • 800.000 Tonnen Lithium (3500 %)
  • 400.000 Tonnen Nickel (100 %)
  • 300.000 Tonnen Zink (10–15 %)
  • 200.000 Tonnen Silizium (45 %)
  • 60.000 Tonnen Kobalt (330 %) und
  • 3.000 Tonnen der Seltenerdmetalle Neodym, Dysprosium und Praseodym (700–2600 %) benötigt.

"Obwohl sich die EU verpflichtet hat, die Energiewende zu beschleunigen und ihre Technologien für saubere Energie im eigenen Land zu produzieren, bleibt sie bei einem Großteil der benötigten Metalle von Importen abhängig", heißt es in der Studie. 

"Und die Sorge um die Versorgungssicherheit wächst."

 

Risiken bei der Versorgung

Auch bei der Versorgung mit Aluminium, Nickel und Kupfer ist Europa derzeit von Russland abhängig. Der Studie zufolge könnte Europa um das Jahr 2030 mit Problemen konfrontiert werden, die sich aus globalen Versorgungsengpässen insbesondere bei Lithium, Kobalt, Nickel, seltene Erden und Kupfer ergeben. Es sei zu erwarten, dass die kohlebetriebene chinesische und indonesische Metallproduktion das weltweite Wachstum der Raffineriekapazitäten für Batteriemetalle und seltene Erden dominieren wird. 

Liesbet Gregoir, Hauptautorin an der KU Leuven, kommentiert: "Europa muss dringend entscheiden, wie es die sich abzeichnende Versorgungslücke bei Primärmetallen schließen will. Ohne eine entschlossene Strategie riskiert es neue Abhängigkeiten von nicht nachhaltigen Lieferanten."

Die Studie empfiehlt, dass sich Europa mit nachweislich verantwortungsvollen Lieferanten verbindet, die ihre Umwelt- und Sozialrisiken beherrschen. Es wird die Frage aufgeworfen, warum die Union noch nicht in externe Minen investiert, um ESG-Standards (zu Deutsch: Umwelt, Soziales und Unternehmensführung) direkt zu fördern. Metall- und Bergbaubetriebe müssen die Auswirkungen auf die biologische Vielfalt, die Abfälle, das lokale Verschmutzungspotenzial unter Wahrung der Menschenrechte bewältigen können.

 

Lokale Herausforderung

"Wenn Europa neue lokale Versorgungsquellen mit hohen ökologischen und sozialen Standards erschließen will, ist ein Paradigmenwechsel nötig. Bis heute fehlen sowohl der aktive Support der EU als auch die wirtschaftlichen Bedingungen, um eigene starke Lieferketten für Europa aufzubauen. Das Zeitfenster verengt sich; Projekte müssen in den nächsten zwei Jahren wirklich vorangetrieben werden, um bis 2030 bereitzustehen."

Der Studie zufolge besteht theoretisch das Potenzial, zwischen 5 % und 55 % der europäischen Bedarfe für 2030 mit neuen heimischen Minen zu decken. Jedoch haben die meisten angekündigten Projekte trotz der vergleichsweise hohen Umweltstandards in Europa eine ungewisse Zukunft, da sie mit dem Widerstand der lokalen Bevölkerung und mit Genehmigungsproblemen kämpfen oder sich auf unerprobte Verfahren verlassen.

Europa müsste auch neue Raffinerien eröffnen, um die abgebauten Erze und Sekundärrohstoffe in Metalle oder Chemikalien umzuwandeln. Die Energiekrise in Europa erschwert jedoch Investitionen in neue Raffinerien. Die explodierenden Strompreise haben bereits zur vorübergehenden Schließung von fast der Hälfte der bestehenden Aluminium- und Zinkraffineriekapazitäten des Kontinents geführt, während die Produktion in anderen Teilen der Welt steigt.

Da die in Europa geförderten und produzierten Metalle einen viel geringeren ökologischen Fußabdruck als solche aus anderen Regionen haben, wird in der Studie empfohlen, das europäische Potenzial auszuschöpfen und gleichzeitig kontinuierlich zu verbessern.

 

Recycling

Laut den Forschern der KU Leuven wird die Nachfrage nach Primärmetallen in der EU um 2040 ihren Höhepunkt erreichen; danach wird ein verstärktes Recycling die Selbstversorgung unterstützen, vorausgesetzt, es werden jetzt umfangreiche Investitionen in die Recycling-Infrastruktur getätigt und gesetzliche Engpässe beseitigt. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass die Produktion von Permanentmagneten und Batteriekathoden sowie erheblicher Mengen an Aluminium und Kupfer zu 75 % mit lokal recycelten Metallen abgedeckt werden könnte. 

"Recycling ist die beste Chance für Europa, die langfristige Selbstversorgung zu verbessern. Es ist ein Schritt nach vorn, dass unser sauberes Energiesystem auf Metallen basiert, die unbegrenzt recycelt werden können." Man müsse jedoch "jetzt energisch handeln, um die Recyclingquoten zu erhöhen, in die notwendige Infrastruktur zu investieren und wichtige wirtschaftliche Engpässe zu überwinden". Mit Metallrecycling könne zudem zwischen 35 % und 95 % des CO2 im Vergleich zur Primärmetallproduktion einspart werden.

Recycling "wird bis nach 2040 in der EU keine zentrale Rolle für Elektrofahrzeug-Akkus und Technologien erneuerbarer Energien darstellen," stellt die Studie klar. "Diese Anwendungen und die dafür benötigten Metalle werden gerade erst auf den Markt gebracht und stehen frühestens in 10–15 Jahren für ein Recycling zur Verfügung."

Technologische Entwicklungen und Verhaltensänderungen, die ebenfalls einen Einfluss auf die Metallnachfrage nach 2030 haben, wurden in der Studie aufgrund fehlender Szenarien nicht bewertet.

 

Über

KU Leuven - Die Katholieke Universiteit Leuven ist eine Forschungsuniversität
in Leuven, Belgien. Sie betreibt Lehre, Forschung und Dienstleistungen in den Bereichen Informatik, Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaften, Theologie, Geisteswissenschaften, Medizin, Jura, Kirchenrecht, Wirtschaft und Sozialwissenschaften.

Eurometaux, der Europäische Verband der Metallerzeuger mit Sitz in Brüssel vertritt die europäischen Nichteisenmetallproduzenten und Recycler und fördert die nachhaltige Produktion, Verwendung und das Recycling von Nichteisenmetallen und ein unterstützendes Geschäftsumfeld.

www.eurometaux.eu
www.kuleuven.be/english/kuleuven
 

Eine digitale Kopie des vollständigen Berichts:
Metals for Clean Energy: Pathways to solving Europe’s raw materials challenge (published April 2022) ist unter folgendem Link verfügbar:

https://eurometaux.eu/metalscleanenergy