Wie gehen andere Branchen mit dem Nachwuchsmangel um?

Ein Blick in die Logistikbranche

Erfahrungsaustausch
Ausbildung
Nachwuchsförderung
Erfahrungsaustausch
Viele Gießereibetriebe haben Schwierigkeiten, junge Menschen für ihre Ausbildungsstellen zu finden. Die Corona-Pandemie hat die ohnehin bereits angespannte Situation noch verschärft. Sieht es in anderen Branchen besser aus? Gibt es dort Rezepte gegen den Azubi-Mangel, die sich auf die Gießereiindustrie anwenden lassen?

In der Logistik herrscht seit Jahren ein massiver Fachkräfte- und Azubimangel. Für die Branche ist es daher an der Tagesordnung, über Konzepte zu diskutieren, die beim Thema Arbeitskräftemangel Entlastung bringen können. Kann die Gießereiindustrie vom Erfahrungsschatz der Logistiker profitieren? Haben die Logistiker gar Rezepte gegen den Azubi-Mangel erarbeitet, die sich auch auf die Gießereiindustrie anwenden lassen?

Der Blick über den Tellerrand zeigt zuerst einmal, dass die Logistiksparte ähnlich an die Problematik heranzugehen scheint wie die Gießereiindustrie.

Die Antwort auf die Frage nach den Ursachen lautet auch dort: es liegt am demografischen Wandel. Die Angehörigen der Babyboomer-Generation gehen nun in Rente, deutlich weniger Nachwuchs kommt nach. Dazu gesellt sich der schlechtere Ruf, den die berufliche Ausbildung im Vergleich zur akademischen Ausbildung hat: Ein Studium wird häufig mit besseren Karrierechancen und einem höheren Einstieg im Unternehmen in Verbindung gebracht.

Wie lassen sich junge Menschen für eine berufliche Ausbildung begeistern?
Redakteurin Stephanie Noll und Ressortleiter Jan Burgdorf von der VerkehrsRundschau beschäftigen sich in ihrem aktuellen Podcast mit der Frage, was Betriebe gegen Nachwuchsmangel machen können. 

Noll stellt fest, dass Unternehmen zuerst ein Bewusstsein dafür entwickeln müssen, dass sich der Arbeitgebermarkt inzwischen zu einem Arbeitnehmermarkt gewandelt hat. In der Logistik herrsche da teilweise noch ein etwas veraltetes Mindset, erläutert sie und zitiert den HR-Experten Stefan Scheller, demnach es nicht mehr ausreiche, eine Stelle auszuschreiben und auf Bewerber zu warten. Vielmehr sei es erforderlich, Ausbildung zielgruppengerecht zu verkaufen.

Wenn Unternehmen ihre Ausbildungsplätze besetzen wollen, bleibt ihnen häufig keine andere Wahl, als "deutlich mehr zu tun". Nachwuchswerbung erfordert einen gewissen Aufwand. Eine Möglichkeit ist, an die Schulen zu gehen. Eine weitere Möglichkeit ist, an Ausbildungsmessen teilzunehmen. Weiterhin sollten Betriebsbesichtigungen und Praktika angeboten werden.

Zunehmende Bedeutung gewinnt Social Media, wobei die richtigen Kanäle gewählt werden sollten – beispielsweise Instagram, YouTube, TikTok und Twitch. Zwar ist Facebook bei der jungen Generation "out", jedoch nicht bei deren Eltern, die als Multiplikatoren für ihre Kinder eine große Bedeutung haben. 

Während der Ausbildung kommt es dann auf eine möglichst enge Betreuung an, erklärt die Logistik-Redakteurin. Noll bringt als Beispiel Paten-Programme, in denen ältere Azubis den jüngeren Azubis zur Seite stehen. Wichtig sei auch, Spaß in die Ausbildung zu integrieren. Das lässt sich beispielsweise über Azubi-Projekte oder Wettbewerbe realisieren. Hier ist die Kreativität der Ausbilder gefragt.

Was lässt sich für die Gießereiindustrie ableiten?
Die von den Logistik-Redakteuren vorgestellten Maßnahmen stellen eine hilfreiche Zusammenfassung von Handlungsmöglichkeiten dar. Jedoch liefern die Vorschläge keine essenziell neuen Erkenntnisse, denn in der Gießereibranche wurden bereits ähnliche Schlüsse gezogen. Denjenigen, die den Zukunftstag der Gießerei aufmerksam verfolgt haben, werden die Lösungsvorschläge der Logistiker bekannt vorkommen.

Aufschlussreicher ist es oftmals, das Gespräch mit Praktikern zu suchen, da diese aufgrund ihrer täglichen aktiven Auseinandersetzung mit der aktuellen Situation frische Impulse setzen können. So geschah es dann auch im Podcast von DVZ-Redakteur Sven Bennühr, der den Deutschlandchef von Hellmann Worldwide Logistics, Sven Eisfeld, zum Thema Nachwuchsmangel befragte.

Nicht auf die Politik warten
In der Diskussion von Bennühr und Eisfeld kamen unter anderem Versäumnisse der Politik zur Sprache; so empfahlen sie beispielsweise, dass Hürden für Quereinsteiger abgebaut werden müssten. Jedoch ist es nicht Eisfelds Sache, auf die Politik zu warten. Ihn interessiert viel mehr, wie er aktiv zur Verbesserung der Lage beitragen kann. So hebt er hervor, dass Unternehmen den Wert ihrer Branche nach außen vertreten und mit Begeisterung und Transparenz darüber berichten sollten, um dadurch wiederum jungen Menschen zu begeistern, den Beruf zu ergreifen. Ähnlich wie die Gießerei ist auch die Logistik eine eher "unsichtbare" Branche, die erst dann in den Fokus der Öffentlichkeit rückt, wenn etwas nicht mehr so funktioniert wie gewohnt, Stichwort Suezkanal oder Hafenverstopfungen. Daher kommt es auf eine aktive Imagepflege an.

Potenzial sieht er in Arbeitsmigranten. Die Unternehmen sollten aber nicht erst eine Arbeitsmarktreform abwarten, sondern selbst aktiv werden. Beispielsweise mit "Lotsen", die den Ankommenden helfen, sich in Deutschland und der deutschen Bürokratie zurechtzufinden und sie dorthin führen, wo sie gebraucht werden und Spaß in den neuen Berufsfeldern haben. Er berichtet von einem erfolgreichen Projekt am Hellmann-Unternehmensstandort Osnabrück. Dort ist seit einigen Jahren eine Integrationshelferin tätig, die bereits 40 Kollegen dabei unterstützt hat, ihren Weg im Unternehmen und im Bürokratiedschungel zu finden.

Zudem kommt es auf Flexibilität an und die Bereitschaft, sich zu öffnen. Beispielsweise, indem deutsche Unternehmen in interkulturelle Kompetenzen und Sprachkenntnisse ihrer Mitarbeiter investieren. So wird das Arbeitsumfeld für Nichtmuttersprachler attraktiver und in der globalisierten Welt wird es für deutsche Unternehmen leichter, Fachkräfte und Nachwuchskräfte aus anderen Ländern anzuziehen.

Nicht zuletzt muss die Möglichkeit in Betracht gezogen werden, Menschen in bestimmten Bereichen durch Roboter zu substituieren. Das ist jedoch nur begrenzt möglich, betont Eisfeld. Was nämlich kein Roboter ersetzen kann, ist die menschliche und emotionale Intelligenz und die Fähigkeit, auf neu geschaffene Situationen morgen wieder anders reagieren zu können. Gerade in der dynamischen Logistikbranche sei Agilität gefragt. Letztendlich käme es auf die Bereitschaft und die Fähigkeit an, sich zu verändern und sich anzupassen.

www.verkehrsrundschau.de
www.dvz.de

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